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Nur wenn du allein kommst | Rezension

17. Oktober 2017,1 Comment
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„Es ist schwierig neutral zu bleiben, doch weit schlimmer erscheint mir die Vorstellung, die Fähigkeit zum Zuhören zu verlieren.“

Nur wenn du allein kommst

Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad

Übersetzt von: Sky Nonhoff

Verlag: C. H. Beck

Seiten: 386 | Ausgabe: 2017

ISBN: 9783406711671

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Die Autorin:

Souad Mekhennet ist in Deutschland aufgewachsen, als Tochter eines türkischen Vaters und einer marokkanischen Mutter. Seit den Ereignissen von 9/11 recherchiert sie über den IS und den Dschihad. Sie arbeitet(e) für das ZDF, den Spiegel, die New York Times und ist Teil des Investigativteams der Washington Post.

Die Story:

Was passiert hinter den Fronten des Jihad? Wie ticken Warlords und jugendliche Attentäter? Spannend wie in einem Krimi berichtet Souad Mekhennet von ihren teils lebensgefährlichen Recherchen in den No-go-Areas des Terrors, allein, ohne Handy, bekleidet mit einer schwarzen Abaya. Die Journalistin Souad Mekhennet verfügt über ungewöhnliche Verbindungen zu den Most Wanted des Jihad – und über ein einzigartiges investigatives Talent.

Meine Meinung:

Wenn ich an all diese Geschichten, Fakten und Hintergründe denke, die Mekhennet in ihrem Buch zusammenfasst und schildert, bekomme ich eine Gänsehaut. Die Komplexität des Themas lässt mich genauso sprachlos zurück wie Mekhennets unfassbare Gabe, hier nicht nur den Überblick zu behalten, sondern auch mutig mitten ins Geschehen einzutauchen und ohne Angst zuzuhören. Sie beschreibt Einzelschicksale, lässt Stimmen laut werden die sonst überhört werden, ergreift keine Partei, begibt sich in Lebensgefahr und beweist dabei unendlich viel Mut und, was wohl noch wichtiger ist, Empathie. Sie sieht in den Köpfen des Dschihad nicht irgendwelche unmenschlichen Monster, die alles zerstören wollen. Sie sieht Menschen. Vielleicht mögen wir die Beweggründe dieser Leute nicht immer verstehen und vielleicht haben sie auch oft schlechte Gesinnungen, doch Mekhennet macht immer wieder klar, dass es nicht an ihr ist, darüber zu urteilen. Ihre Aufgabe ist es, zuzuhören, zu berichten, der Wahrheit immer auf der Spur. Und so zeigt sie uns, dass hinter Radikalisierung, Attentaten und Zerstörung, Menschen stehen, die uns gar nicht so unähnlich sind. Die Familien haben, die Wut und Trauer und auch Freude und Liebe kennen. Sie verharmlost nichts, sondern zeigt uns nur das wahre Gesicht des Terrors – denn es ist das von uns: Von Menschen.

„Nur wenn du allein kommst“ ist kein leichtes Buch. Ich habe lange gebraucht, um es zu lesen, nicht nur wegen dem Schreibstil, sondern v.a. wegen dem Inhalt. Die Sachverhalte sind so komplex und vielschichtig und undurchsichtig, dass es – für mich – unmöglich scheint, den Überblick zu behalten. Außerdem zog es mich manchmal so runter, dass ich eine Pause brauchte. Es ist gut, dass ich dieses Buch gelesen habe, denn es ist unglaublich wichtig. Die Wahrheit ist nunmal nicht schön oder frei von Schmerz, so wie diese uns (im Westen) weder freispricht noch unberührt lässt. Das müssen wir akzeptieren und Konsequenzen daraus ziehen. Dennoch war ich immer wieder erschlagen von den Informationen, von den neuen Perspektiven, von der Grausamkeit der Menschen, von Ungerechtigkeiten, Details, der schieren Angst vor dem was da noch kommt, von der Ignoranz der westlichen Welt und vielleicht auch einfach von der Wahrheit, die Mekhennets Worten inne wohnt.

Ich fälle kein Urteil über das, was sie schreibt. Ich bin Laie auf dem Gebiet, aber ich vertraue ihr. Denn sie macht das, was nur wenige Journalisten tun: Ihren Job. Mit Leib und Seele steht sie für die Wahrheit ein, ohne Partei zu ergreifen. Sie macht keinen Unterschied wer du bist, woher du kommst, wie du drauf bist. Sie will nur deine Geschichte hören. Sie fragt nicht nach Was oder Wer. Sondern nach dem Warum und dem Wie.
Sie fragt nicht nur „Experten“, sondern lässt Opfer, Täter und Mitspieler gleichermaßen zu Wort kommen. Sie interessiert sich nicht für Quoten, sondern nur für die Wahrheit.
Es ist bitter und traurig, dass ich erst mit diesem Buch von ihrer Arbeit erfahre. Denn ihre Stimme sollte noch viel lauter sein. Sie, die so unerschrocken und voller Herzblut selbst die gefährlichsten und unwirtlichsten Risiken eingeht, sollte eine Inspiration, ein Vorbild, ein Idol für alle anstrebenden und bereits tätigen Journalisten sein. Sie lehnt sich nicht zurück. Sie reproduziert keine durchgekauten Meinungen. Sie verschönigt nichts, weil es dann besser ankommt oder sich besser verkauft. Sie geht raus, hört zu und zeigt uns die Welt aus einer anderen Perspektive. Und DAS ist Journalismus.

Ein schweres und zutiefst aufrüttelndes Buch

Anmerkung: Dieses Buch war ein Rezensionsexemplar des C.H. Beck Verlags – vielen, vielen Dank! :)

3.5 / 5

4 Stars

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1 Kommentar

  • Antworten Sabrina 17. Oktober 2017 um 17:23

    Hallo!
    Souads Geschichte ist extrem spannend. Vor allem die zentrale Frage “Warum hassen sie uns?“ stelle ich mir nach einem Interview mit ihr, das ich auf der fbm gehört habe, immer wieder.
    Ich denke es ist wichtig, die Dschihadisten als Menschen mit Ängsten, Wut, Träumen wahrzunehmen. Denn nur wenn wir sie verstehen, kann zielgerichtet etwas unternommen werden. Etwas das fernab von Gewalt oder gar Krieg ist.

    Liebe Grüße
    Sabrina

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