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Dschungeljahre | Rezension

24. August 2017,2 Comments
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Dschungeljahre

Mein Leben bei den Ureinwohnern West-Papuas

Doris Kuegler

Verlag: GerthMedien

Seiten: 240 | Ausgabe: 2011

ISBN: 978-3865915856

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Die Autorin:

Doris Kügler hat eine Ausbildung als Krankenschwester und in der Bibelschule. Als sie um die 30 war, verließ sie Deutschland um mit ihrem Mann als Missionare im Ausland tätig zu sein. Zuerst lebten sie 5 Jahre in Nepal, danach zogen sie in den Dschungel West-Papuas. Doris Kügler lebte dort 35 Jahre und kam erst 2006 wieder nach Deutschland zurück. Das Buch ihrer Tochter Sabine („Dschungelkind“) war ein Bestseller.

Die Story:

Viele kennen bereits die Geschichte des „Dschungelkind“ Sabine Kügler. In „Dschungeljahre“ berichtet ihre Mutter Doris Kügler von den intensivsten 35 Jahren ihres Lebens, die sie im Dschungel West-Papuas verbrachte.

Meine Meinung:

Zuerst das Äußere: Das Buch hat ein wunderschönes Cover- welches allerdings sehr offensichtlich keinen Einheimischen der Fayu, nicht einmal einen aus den Papua-Ländern zeigt (diese haben krauses Haar, oft Knochen in der Haut und haben v.a. keine Tattoos), sondern nach meiner Recherche einen Mann aus einem Stamm in Malaysia. So etwas finde ich sehr enttäuschend. Ich finde das Cover zum Anschmachten schön, aber das hier soll ein Sachbuch sein, welches von einem real existierenden Volk erzählt – da sollte der Verlag vielleicht nicht einfach auf Getty Images „Einheimischer“ eingeben und das hübscheste Bild nehmen, was sie finden. Das geht gar nicht.

Ansonsten fand ich es spannend, noch ein wenig mehr über die Fayu und ihre Kultur zu lernen, diesmal v.a. aus der Perspektive von Doris Kügler, der Mutter vom Dschungelkind Sabine Kügler. Deren Buch sollte man übrigens vor „Dschungeljahre“ lesen, sonst versteht man viele Anspielungen nicht.
Ich finde die Fayu sind ein sehr besonderes Volk und ich hätte mir gerne noch mehr Beschreibungen aus dem Alltag gewünscht oder von so kleinen Riten wie dem, dass sie sich vorsichtig in alle Finger beißen, wenn sie sich gern haben. „Aus erster Hand“ zu erfahren, wie es war, dort Kinder großzuziehen, einen Alltag zu meistern, Freundschaften zu schließen, etc, war definitiv eine Bereicherung.

Leider muss ich sagen, dass mich die Missionierungsarbeit gestört hat. Sie rechtfertigt es im Buch zwar immer und immer wieder, aber genau das war es, was mich wütend gemacht hat. Ich glaube, dass die Küglers noch eine der besten Missionare waren, die einer Kultur passieren konnten, weil sie niemandem etwas aufgezwungen haben, aber trotzdem stört es mich. Eine Mission hat immer den Hintergedanken, dass du besser bist als die anderen – in diesem Fall, weil du an „den einen richtigen Gott“ glaubst. Zwar sehen die Küglers die Einheimischen als ihre Ebenbürtigen und respektieren sie, aber gleichzeitig spricht Doris Kügler auch oft davon, dass diese armen Leute ja gar nichts hatten und dass sie ihnen endlich tolle Waren (zB Kleidung, Macheten, etc) gebracht haben, usw. Und natürlich nicht zuletzt auch den christlichen Glauben und damit den Frieden zwischen den Völkern hergestellt haben.
Alles sehr ehrenwert, aber ich mochte diesen komplett unreflektierten Ton nicht. Sie sagt, sie haben die Kultur der Fayu nicht verändert. Dem kann ich einfach nicht zustimmen. Sie haben massiv in diese Gesellschaft eingegriffen und sie so umgeformt, wie sie als westliche Christen es für richtig erachten. Es mag vielleicht ohne Zwang geschehen sein, aber Doris Kügler scheint sich dieser Macht, die sie hatten, und der aktiven Veränderung, die sie bewirkt haben, überhaupt nicht bewusst zu sein und das hat mich gestört.
Zumal sie sich trotzdem damit rühmen, den Krieg dieser Völker nur durch die Weitergabe der Liebe Gottes beendet zu haben. „Wir haben eine Kultur nicht verändert“ und „Wir haben ihnen den Frieden gebracht“ sind 2 Aussagen, die zumindest nach meinem Verständnis nicht zusammenpassen.
Es ist ein schwieriges Thema, denn natürlich war es für diese aussterbende Kultur gut, Frieden mit den anderen Stämmen zu schließen, ein kleines Maß an medizinischer Versorgung zu bekommen und Decken für kalte Nächte zu kriegen. Aber ich bleibe kritisch, wenn es darum geht, dass all dies „im Namen Gottes“ passiert ist, fast der ganze Stamm nun stark am christlichen Glauben hängt, die westliche Lebensweise durchgehend als die bessere angesehen & beschrieben wurde und dass die Küglers offenbar kein bisschen reflektieren, wie maßgeblich sie diese Kultur verändert haben.
Es geht nicht darum, ob zum besseren oder zum schlechteren. Es geht um das Bewusstsein, dass die Küglers die Verantwortung dafür tragen, die gesamte Denk- und Lebensweise dieser Menschen aktiv beeinflusst zu haben.

Noch dazu die ständige Formulierung „wie in der Steinzeit“ – nein, diese Leute sind kein Fenster in die Vergangenheit. Sie sind unsere Gegenwart. Es gibt keine universale, evolutionäre Entwicklung bei der alle eines Tages auch von alleine so geworden wären wie wir westlichen Gesellschaften. Diese Menschen leben genauso in der Gegenwart wie wir. Sie sind nicht „zurück geblieben“ oder „noch nicht so weit“ – sie sind lediglich anders. Und uns vollkommen ebenbürtig.
Die westliche Zivilisation denkt immer, sie habe die Weisheit mit Löffeln gefressen und lebt den einzigen erstrebenswerten und best möglichen Lebensstandard. Aber das ist pure Arroganz. Ein Volk, das noch harmonisch mit der Natur lebt, ist genauso modern wie wir, denn sie leben heute, im Hier und Jetzt. Solche Formulierungen sind also eine Anmaßung.

Zuletzt muss ich noch sagen, dass mich der Schreibstil ein wenig gestört hat. Sie springt andauernd in den Zeiten ohne dass dies markiert wäre oder erwähnt würde, was mich mitunter etwas verwirrt hat. Man stolperte beim Lesen häufig durch die Erzählung. Oft fehlte der größere Zusammenhang oder einfach ein flüssiger, angenehmer Übergang.

Trotz meiner Kritik an Verlag & Autorin, war es jedoch ein spannendes Buch, das mich wieder einmal bereichert hat und meinen Horizont ein wenig erweitern konnte. Wer das Dschungelkind mochte und sich nicht an den von mir genannten Punkten stört, wird seine Freude mit dem Buch haben. Auch ich hatte Spaß, noch einmal mit dem Küglers im Dschungel zu leben und diesmal die Perspektive einer Erwachsenen zu lesen. Dennoch kann ich nicht schweigen, wenn es um meine Kritik geht.

Bereichernd, aber leider ohne jedes Verantwortungsgefühl

Anmerkung: Die Bewertung liegt bei 2.5 statt 3, was hier aber nicht angezeigt werden kann.

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2 Kommentare

  • Antworten Frank 30. Oktober 2017 um 15:11

    Ihre Rezension ist eine Ansammlung von Klischees über ethnologische Fragestellungen. Sich anzumaßen, nach der Lektüre eines kurzen Buches, besser beurteilen zu können, ob die missionarische Arbeit der Küglers für die Fayu sinnvoll war, als der Rückblick einer Beteiligten nach jahrelangem Eisatz, scheint mir doch sehr fraglich. Ihren eigenen missionarischen Eifer bezüglich Segen und Fluch der christlich geprägten Missionsarbeit der Küglers messen Sie dann doch besser mit Ihren eigenen Maßstäben.

    • Antworten Tasmetu 30. Oktober 2017 um 16:31

      Da Sie meine Rezension offenbar nicht sonderlich aufmerksam gelesen haben, wiederhole ich meinen Standpunkt erneut:
      Nein, ich persönlich finde Missionarsarbeit (egal welcher Religion) nicht unproblematisch oder gar unterstützenswert, finde aber einige der Effekte die diese durch die Küglers bei den Fayu hatte, gut. Dabei beziehe ich mich ausschließlich auf die Informationen des Buches – dies ist eine Buchrezension, kein ethnologischer oder journalistischer Essay.
      Wie in der Rezension geschrieben, geht es mir in der Kritik nicht darum, ob die Küglers etwas zum „guten“ oder „schlechten“ verändert haben / es „sinnvoll“ war oder nicht, darüber urteile ich nicht. Ich äußere mich lediglich kritisch gegenüber der Tatsache, dass Frau Kügler in dem Buch immer wieder betont, dass sie die Kultur nicht verändert hätten, was schlicht nicht stimmt. Wer Missionsarbeit betreibt muss sich auch reflektiv damit befassen, dass eine Kultur aktiv verändert wurde. Und das ist in die diesem Buch nicht passiert – im Gegenteil. Dies ist eine Kritik an dem Buch – nicht an der Familie Kügler und auch nicht am christlichen Glauben per se.

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