Lifestyle

Süchtig. Oder?

18. April 2017,4 Comments
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Der Postbote klingelt an der Haustür und hält mir ein Paket entgegen. Überraschungs-Buchpost. Ich packe es aus, freue mich wie blöd, drapiere alles für ein Instagramfoto, greife an meine Hosentasche und… nichts. Kein Handy. Stimmt, da war ja was. 

Es geschah an einem Montag. Es sollte ein wundervoller, sonniger Tag am Eibsee werden. Die Kamera war voll geladen, für TravelPotatoes sollte alles dokumentiert werden. Auch mit der Instagram Story hatte ich bereits auf der Hinfahrt begonnen. Aber dann passierte es. Mein geliebtes Smartphone, seines Zeichens erst gut ein Jahr alt und das einzige meiner technischen Geräte, das keine Mucken machte, wollte unbedingt schwimmen gehen. Und starb binnen der nächsten 30 Sekunden für immer. Aller Reis der Welt half nichts. Das Handy war mausetot.
Es war meine eigene Schuld. Hätte ich dieses Riesenteil von Smartphone nicht in die viel zu kleine Frauen-Jeans-Hosentasche (wer entwirft diese unnützen Mistdinger eigentlich?) gesteckt, um es griffbereit zu haben, wäre es auch nicht herausgefallen.

Alles verloren

Es begann eine Woche der „Ich würde ja gerne, aber…“ Sätze. Ich musste mich nicht nur darüber ärgern, keine Sicherung zu haben (falls jemand gute Tipps für Android / Mac Sicherungen hat, bitte her damit!) und deshalb ganze Prologe und Dialoge und unzählige Buchideen, sowie einige Fotos und Chatverläufe, für immer verloren zu haben, sondern auch darüber, erstmal kein neues Smartphone zu haben. Ich hatte ein altes, in das meine SIM aber nicht reinpasste und das ich bei meiner exzessiven Nutzung ohnehin nicht hätte gebrauchen können. Das Konto war schmerzhaft leer und so haderte ich einige Tage mit mir, bevor ich (kurz vor den Feiertagen versteht sich) ein neues bestellte. Eine Woche ohne Smartphone. Klingt gar nicht so schlimm, oder?

Abhängig

„Ich bin nicht Handy-süchtig. Internetsüchtig vielleicht, aber doch nicht nach meinem Smartphone. Ich bitte dich. Im Urlaub benutze ich das doch auch nicht.“

Wie oft ich diesen Satz in den letzten Jahren gesagt habe, weiß ich nicht. Aber ich lernte, dass er so nicht ganz richtig war. Denn ich erwischte mich jeden Tag mehrfach dabei, wie ich fluchend dastand, weil mir das Smartphone fehlte. Nur einige Beispiele seien hier erwähnt:

Buchladen.
„Oh wow, ein schönes Buch. Das klingt echt gut. Am besten kommt es sofort auf die Wunschli… damn.“

Hosen shoppen.
„Ich hasse Hosen shoppen so, so, so sehr. Sieht die wirklich gut aus? Oder sehe ich damit eher wie eine zu eng verschweißte Leberwurst aus? Am Besten ich schicke Korbi ein Fot… oh.“
(5 Minuten später)
„Hey, 30% Rabatt. Cool! Schnell ausrechnen… oh shit!“ (Anm: Prozentrechnen war noch nie meine Stärke)

Twitter.
„Haha, hier passt perfekt ein GIF daz… ach verdammter Mist!“

Unterwegs.
„Na toll, jetzt sitze ich hier beim Arzt ungeplant ewig im Wartezimmer. Am Besten ich gebe meiner Mutter, die im Café auf mich wartet, schnell bescheid… … …  fuck.“
oder
„Mh, verdammt. Ich habe mich verlaufen. Wo muss ich nochmal hin? Ha, ich hab ja Google Maps… haha. ha. Shit.“
oder
„Wieso kommt denn die S-Bahn schon wieder nicht? Können die nicht mal ne Durchsage machen? Naja, vielleicht steht ja onlin…. AAARGH“
oder
„Wow, das Mädchen gerade sah so cool aus, ich habe eine geniale Idee für eine Geschichte. Schnell aufschr… ich hasse die Welt.“

Mit Freunden.
„Du kennst den nicht? Warte, ich zeige dir kurz ein Fot………….. okay, vielleicht ein ander mal.“
oder
„Was genau hieß das nochmal? Ah, ich komm nicht drauf. Lass mich schnell goog… ach, vergiss es einfach.“

Alltag.
„Morgen muss ich unbedingt früh aufstehen, sonst verpasse ich… scheiße. Wieso habe ich nochmal meinen alten Wecker zugunsten meines Handys weggetan? Ich bin so blöd.“

Nicht zu vergessen, die unzähligen Momente, in denen ich sonst aus Langeweile zum Handy gegriffen hatte, auf Instagram surfte oder eBooks las oder YouTube schaute oder Pinterest suchtete oder einfach nur sinnlos herumtippte. Mein Smartphone war, ohne dass ich es bewusst wahrgenommen hätte, eine Verlängerung meines Arms geworden.

Unnötig

Ich dachte immer, es sei nur dazu da, erreichbar zu sein. Aber es ist viel mehr als das. Es hat Festnetztelefone, Briefkästen, Fotoalben, Taschenrechner, Lexika, das eigene Gehirn, Ortskarten, Orientierungssinn und Unterhaltungsmedien einfach unnötig gemacht. Und ich habe mich so schnell daran gewöhnt, dass ich plötzlich ohne kaum noch weiter wusste.
Ich dachte zurück. Als ich zum ersten Mal Erfahrungen im Internet machte, die ersten Schritte in dieses digitale Zeitalter ging, gab es noch gar keine Smartphones. Ich war ohne diese Dinger aufgewachsen und hatte die Entwicklung von schwarz-weiß-Nokias zum iPhone komplett miterlebt. Wieso war ich plötzlich so abhängig davon?
Ich weiß es nicht. Vermutlich weil man sich an dieses praktische, schnelle Helferlein gewöhnt. Es ist gemütlich und schnell und liefert einem so gut wie alles, was man braucht. Mit tausend Apps und Diensten und Funktionen ist es in fast jeder Situation zu gebrauchen (außer beim Schwimmen. Haha. Ha. Ja, der war schlecht, sorry.), es macht das Leben leichter. Nur stellt sich mir nach diesem unfreiwilligen Detox die Frage: Macht es das Leben denn auch besser? Oder nur schneller und bequemer?

Lektion gelernt – oder?

Eins stand von Anfang an fest: Obwohl meine Ersparnisse eigentlich für einen dringend nötigen, neuen Laptop gedacht waren, musste ich die Pobacken zusammenkneifen und mir ein neues Smartphone kaufen. Es führte kein Weg daran vorbei. In unserer heutigen Zeit ist ein Handy so wichtig. Zur Kommunikation, im Alltag und – in meinem Fall – auch für den Blog. Twitter nur daheim am Laptop zu bedienen war nervig und Instagram konnte ich gar nicht mehr nutzen. Ich kehrte also nach gut einer Woche wieder zur digitalen Armverlängerung zurück.
Aber habe ich etwas daraus gelernt? 
Die einfache Antwort lautet: Ja.
Ich habe gelernt, ab sofort Sicherungen zu machen und meine Notizen in Google zu speichern anstatt auf der integrierten Handyapp.
Ich habe gelernt, mir in Zukunft immer noch eine zweite Kontaktmöglichkeit (wie zB Email) von jemandem geben zu lassen, damit ich sie auch ohne Handy erreichen kann.
Und es in Zukunft nicht mehr in der Hosentasche mit mir herumzutragen. Ich brauche es zu sehr und bin finanziell nicht gut genug aufgestellt, um so einen Fehler ein weiteres Mal zu begehen.
Ich habe gelernt, dass ich mir diese Sucht eingestehen und an ihr arbeiten muss. Was übrigens gar nicht so schwer ist, denn…
Ich habe gelernt, dass nach nur einer Woche der Drang, dauernd zum Smartphone zu greifen, schon fast verschwunden war.
Und dass das Leben ohne Smartphone manchmal sogar besser war als das mit. (Ich schlief besser, war nicht mehr ganz so nervös und genoss die Ruhe, ich hing nicht mehr so viel sinnlos im Internet herum, usw)

Und obwohl ich diese Woche gut ohne Smartphone verbracht habe und mich am Schluss sogar entspannter fühlte, legte ich mir wieder eins zu. Ich kehrte in eine Sucht zurück, die sich nicht nach einer anfühlt und von der in meiner Generation vermutlich fast jeder abhängig ist. Aber vielleicht werde ich in Zukunft öfter mal Smartphone / Internet – Detox machen. Einfach nur, um mich daran zu erinnern, dass ein Leben ohne Smartphone zwar umständlicher, aber auch lebenswerter ist.

Habt ihr schonmal eine Zeit (un)freiwillig auf euer Smartphone verzichtet? Wie waren eure Erfahrungen damit?

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4 Kommentare

  • Antworten ThatYvo 19. April 2017 um 17:14

    Ich kenne das soo gut… bei mir war es nur ein kaputtes Display, aber ich musste es einschicken und ne Woche drauf verzichten. Am meisten hat mich damals genervt, dass man nicht mehr ‚mal eben schnell‘ ein Foto machen konnte, für vieles andere brauch ich es tatsächlich nicht, da hab ich ganz oldschool eh immer meinen Kalender und/oder mein Notizbuch dabei. Aber andere Leute sind mega-angepisst, wenn du auf WA plötzlich nicht mehr reagierst…^^

    Ohne Handy wird man tatsächlich aber auch ruhiger, was ich ziemlich angenehm fand. Ich glaub, man darf sich da einfach selber nicht so einen Stress machen, es nutzen, wenn man es braucht, aber eben auch genau wissen, wann man e nicht braucht bzw einfach bewusster nutzen.

    • Antworten Tasmetu 25. April 2017 um 9:27

      Hey Yvo :)
      Ohje, sowas ist so so so ärgerlich >.< Für Kalender brauchte ich es tatsächlich auch nicht, da bin ich auch noch oldschool :D Das mit WA ist ein ganz eigenes Thema. Ich benutze die App schon länger nicht mehr und vermisse es keine Sekunde. Dieses ständig auf Abruf sein müssen, diese Unruhe wenn jemand was gelesen hat aber nicht anwortet, die Rechtfertigungen wenn man mal nicht erreichbar ist.. so ne WA Kur sollte man vielleicht bundesweit mal einführen :D

  • Antworten Sophia 8. Mai 2017 um 18:01

    Erstmal hallo!
    Bin durch Geekgeflüster auf deinen Blog aufmerksam geworden und die Optik hat mich direkt angesprochen sowie dieses Thema hier ganz speziell… Ich habe letztens auch mein Notebook geflutet… Auch wenn ich dachte, es hätte nicht so viel Wasser abbekommen, war es doch genug, um alles zum Abschmieren zu bringen.

    Das ist mir an einem Wochenende passiert, Montag war auch noch Feiertag. Toll. Für mich war direkt klar, dass ich am Dienstag losziehen und mir ein neues kaufen muss. Dank Erspartem und Familienkredit war mir das glücklicherweise möglich. Aber in der Zeit hab ich für mich wenigstens lernen können, dass ich privat gar nicht so sehr süchtig nach dem Notebook (naja, sind wir ehrlich, eigentlich war das Smartphone mein Ersatz), aber durch Uni/Arbeit einfach absolut abhängig davon bin. Es hat mich auch gelehrt, auf jeden Fall immer Backups von allem zu machen in Zukunft! :‘)

    Aber ohne Handy würde ich wohl auch nicht besonders lange auskommen. Dank der App „Forest“ kontrolliere ich nun gezielter, nicht immer wieder zwischendurch aufs Handy zu schauen und Twitter, Instagram und co zu öffnen, sondern mich gezielt auf „Aufgaben“ zu konzentrieren, aber früher oder später hänge ich halt doch wieder am Handy (oder am Notebook) und surfe nur blind umher…

    • Antworten Tasmetu 13. Mai 2017 um 9:27

      Hey Sophia,

      danke dir für deinen Kommentar. :)
      Es freut mich sehr, dass du hergefunden hast und dir der Blog auch gefällt :D
      Was ich ohne meinen Laptop machen würde, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich brauche ihn für so, so, soooo vieles. Keine Ahnung was dann passieren würde. :o Auch wenn man hier zwischen „Ich brauche etwas“ und „Ich bin süchtig nach etwas“ unterscheiden kann und sollte. Beim Handy war es definitiv Suchtverhalten, aber meinen Laptop BRAUCHE ich halt auch einfach. Ich glaube dir ging es mit dem Notebook ähnlich. :)
      Hab ein schönes Wochenende!
      Tasmin

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