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Sich etwas beibringen.

6. April 2017,2 Comments
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Neulich hatte ich eine interessante Diskussion, gleich mit mehreren Menschen an einem Tag. Denn ich war zu der Einsicht gekommen, dass ich wirklich schlecht darin bin, mir etwas selbst beizubringen. Am Ende des Tages sah ich das allerdings anders. 

Selbstständigkeit ist manchmal ganz schöner Mist. Man hat ungeheuer viel Arbeit und wenn etwas schief geht, ist man immer selber Schuld. Außerdem gibt es da niemandem, der einem was beibringen kann. Man muss sich, wenn man nicht teures Geld für Workshops usw ausgeben möchte, alles selber beibringen.

„Ich bin so schlecht darin, mir Neues beizubringen. Ich bin einfach zu faul dazu. Für so etwas braucht man Geduld, die ich nicht habe.“

„Das stimmt doch gar nicht“, erwiderten meine unterschiedlichen Gesprächspartner.

„Doch, ich will zum Beispiel schon lange animierte Pfeile in meine Reisevideos einbauen. Ich wette, dass das gar nicht schwer ist. Ich müsste nur ein oder zwei YouTube Tutorials schauen, aber ich tue es nicht. Dieses Rumprobieren und Austesten ist einfach nichts für mich.“

Unangenehmes Schulterzucken bei der Person mir gegenüber.

„Naja, aber du hast dir doch auch den restlichen Videoschnitt selber beigebracht.“

„Mmmmh.“

„In den letzten 3 Jahren hast du dir Bloggen, Social Media, Bildbearbeitung, SEO, Videoschnitt mit zwei Programmen und so viel anderes beigebracht“, setzen sie nach. Sie wittern, dass sie da einen wunden Punkt getroffen haben.

„Ja, aber das ging ja ganz von selbst.“

„Ja genau, deswegen bist du seitdem auch quasi mit deinem Laptop verwachsen. Weil das ja alles ohne dein Zutun geschieht.“

Lachen. Themenwechsel.

„Das kommt ganz von alleine“

Ich habe ihnen zunächst nicht geglaubt. Es fühlte sich nicht an wie ein Erfolg oder eine neue, tolle Fähigkeit, die ich erlernt hatte. Bloggen und Videos schneiden und all das drum herum kamen mit der Zeit, ich hatte mich nie aktiv darum bemüht, hatte nie Bücher dazu gelesen, nie Workshops besucht, nie Ziele gesetzt und nie stundenlang über Optimierung nachgedacht. Ohne diese Arbeit und die Fokussierung darauf, fühlte es sich nicht wie ein Erfolg an. Es kam „ganz von alleine“, obwohl das so nicht stimmt. Ich traf Entscheidungen, wie den Blog zu gründen, das Theme zu ändern, YouTube anzufangen, das Schnittprogramm zu wechseln, usw usw. Und ich gab mir Mühe, steckte unglaublich viel Zeit und Liebe hinein. Aber nie mit dem Ziel „Ich will den besten Videoschnitt weit und breit haben“ oder „Ich will mit SEO Optimierung binnen der nächsten 4 Monate 100 neue Follower generieren!“

Es war ein Hobby und ist es noch, auch wenn es sich schleichend zu einer unbezahlten Arbeit entwickelt hat. Doch aus diesem Grund konnte ich es mir selbst nicht anerkennen, wie viel ich gelernt hatte. Und wie viel davon von mir selbst kam und nicht von außen. Ich habe mir das alles, was ihr hier und TravelPotatoes sehen könnt, Schritt für Schritt selber beigebracht. Und es nicht einmal bemerkt.

Natürlich gibt es noch viel zu lernen. Meine Blogs sind bei weitem nicht perfekt – egal ob man auf das Design, die Aufrufzahlen, das Social Media Marketing (oooh wie ich es hasse), die Qualität und Kreativität der Videos oder eben meine Schnittkünste schaut – da ist immer noch Luft nach oben. Aber ich lerne jeden Tag dazu und mache jeden Tag einen Schritt in diese Richtung. Auch wenn ich immer noch kein Tutorial zu animierten Pfeilen in Adobe Premiere Pro gesehen habe.

Möglichkeiten

Wir leben in einer Zeit, in der man sich theoretisch alles selber beibringen kann. Natürlich gibt es verschiedene Lerntypen, nicht jeder kann an seinem eigenen Schreibtisch gut neues Wissen sammeln und festigen, aber theoretisch gibt es die Möglichkeit dazu. Sprachen kann man (zumindest in den Basics) auf Duolingo und anderen Plattformen lernen, auf YouTube gibt es Tutorials zu ungefähr ALLEM (egal ob backen, stricken, nähen, Sport, tanzen, schminken, Haare schneiden, Videoschnitt, Bildbearbeitung, Servietten falten oder Kerzen ziehen), es gibt unzählige „Online Academys“ in denen man Profi in Meditation oder irgendetwas anderem werden kann, es gibt Seiten und Communitys für Autoren, es gibt unzählige DIY-Blogs, es gibt sogar Online-Zertifikate die man irgendwie bekommen kann.

Ja, diese Art des Lernens ist einsam und anstrengend. Wenn im Büro der Kollege hinter dir steht und dir mal eben kurz erklärt, wie etwas geht, ist das natürlich leichter, als wenn man selbst zwei Stunden vor einem Problem sitzt und das Internet nach einer Lösung durchwühlen muss. Trotzdem finde ich es schön, dass es diese Möglichkeiten gibt. Wenn ich heute stricken lernen wollte, könnte ich das tun. Sogar umsonst. Ohne die Großeltern oder die Grundschullehrer anrufen zu müssen.

Und dank dieser Möglichkeiten und den vielen Dingen, die wir im Internet auch nur zufällig aufnehmen, lernen wir dazu. Selbst wenn das gar nicht unser Ziel ist und nicht alle diese Erfahrungen uns im Leben weiter bringen. Als ich in der Schule war, lernte ich den Großteil meiner Englischkenntnisse durch Internetchats in Foren. Dadurch fiel es mir leichter, die Sprache als Ganzes zu verstehen. Bloggen lernte ich auch Schritt für Schritt, in dem ich aus Fehlern und von anderen Bloggern lernte.

Aber warum konnte ich es nicht anerkennen?

Können wir Erfolg nur noch dann anerkennen, wenn wir uns vorher ein festes Ziel gesetzt haben? Wenn wir uns einen genauen Plan überlegt haben, wann wir welche Abozahl und wann wir welche Blogging-Skills haben wollen? Wenn wir sagen „Ich will bis Weihnachten einen 3 Meter Schal und eine Regenbogen-Mütze gestrickt haben“? Wieso reflektieren wir nicht auf das, was wir nebenbei lernen? Wieso sind wir nicht dankbar für das, was das Leben und unsere Leidenschaften uns lehren? Wieso denken wir, etwas, für das wir keine ungeheure Arbeit geleistet haben, wäre „ganz von alleine“ gekommen, anstatt zu sehen, dass uns hier das Lernen einfach Spaß gemacht hat und leichtgefallen ist? Sind wir so sehr von der Schulzeit geprägt, dass wir Lernen immer automatisch mit Anstrengend und Widerwillen assoziieren? Und wie können wir das ändern?

Viele Fragen, die ich mir selbst nach wie vor beantworten muss. Aber wenn ich daraus etwas mitnehmen kann, dann, dass ich auch auf die Kleinen Dinge stolz sein darf. Und ihr dürft das auch.

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2 Kommentare

  • Antworten Aurelia 6. April 2017 um 12:51

    Ach, das kenne ich gut. <3
    Ich habe auch immer das Gefühl, außerhalb von Uni etc. selten meinen Hintern zum Selber Beibringen hochzubekommen und werde mir dann immer erst im Gespräch und damit Kontrast mit anderen bewusst, wie viel ich eigentlich so nebenher anteste und so auch nach und nach lerne. :D

    • Antworten Tasmetu 7. April 2017 um 10:42

      Ja, manchmal braucht man jemand anderen der die eigenen Fähigkeiten aufzeigen kann :D

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