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Das Achte Leben (für Brilka) | Rezension

20. Dezember 2016,3 Comments
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„Es gab unzählige Varianten der Wahrheit, und sie verformten sich, sobald man sie in den Mund nahm, zerbröselten wie altes Brot und hinterließen nur einen faden Geschmack auf der Zunge.“

Das Achte Leben (für Brilka)

Nino Haratischwili

Verlag: FVA

Seiten: 1280 | Ausgabe: 2014

ISBN: 9783627002084

Zu kaufen bei Amazon* oder im Buchladen nebenan :)

 

Die Autorin:

Nino Haratischwili wurde 1983 in Tblissi, Georgien, geboren. Sie ist eine bekannte Theaterregisseurin, Dramatikerin und auch als Autorin ist sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Sie lebt in Hamburg.

Die Story:

Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen.
(Mehr als diese ersten Zeilen der Beschreibung, die von der Verlagsseite kopiert habe, sollte man meiner Meinung nach nicht wissen bevor man sich in dieses Buch stürzt)

Meine Meinung:

Ich lasse das Buch sinken und bin erst einmal eine ganze Weile sprachlos. Eine Ewigkeit habe ich an diesem Monster von Buch gelesen, fast 1300 Seiten Geschichte habe ich mir Zeile für Zeile erlesen, bin immer tiefer abgetaucht in eine Geschichte, in die man gleich zu Beginn verschwindet, wenn man sich denn darauf einlässt.
Es war kein einfaches Buch. Nein, sicherlich nicht. „Das Achte Leben (für Brilka)“ verlangt einem viel ab. Konzentration, Zeit, Ausdauer, die Fähigkeit auch mal zwischen den Zeilen zu lesen und verdammt viel Herzschmerz. Aber es gibt einem auch viel. Es gibt einem eine Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert portraitiert und das mit so viel Liebe und Hingabe, dass man eine Gänsehaut bekommt. Es gibt einem nicht nur bloße Unterhaltung, sondern auch so lebensechte Charaktere, dass man sie im Garten Karten spielen sehen kann. Es gibt einem solch einen Umfang und fulminante Zusammenhänge von so vielen Menschen und Ereignissen, ohne jemals unsinnig oder zu viel oder zu ausschweifend zu sein – ja, trotz seiner Länge.
Natürlich zieht es sich hier und da, aber nicht weil es zäh oder langweilig wäre, sondern weil einen die schiere Menge an Seiten erdrückt und man sich in der Mitte so fühlt, als würde man einfach nicht voran kommen und sich dem Ende niemals nähern. Trotz des Frustes war aber trotzdem jeder Satz wertvoll und eine Bereicherung für die Geschichte. Sicherlich hätte man hier und da etwas kürzen können, aber das Buch war trotzdem grandios, so wie es war. In all seinen 1280 bibeldünnen Seiten.
Haratischwili schafft es, uns die Lebensgeschichte dieser georgischen Familie in all seinem Glück und Unglück zu schildern, es mit der Welt und der Umwelt und den innersten und tiefsten Emotionen in Einklang und Verbindung zu bringen. Man lernt diese Charaktere besser kennen als die Menschen, mit denen man tagtäglich im wahren Leben spricht. Man erkennt, wie das Weltgeschehen das eigene Leben beeinflusst und wie viel ausschlaggebender persönliche Entscheidungen, Worte, Gefühle sind. Man lernt, welch ein Segen und welch ein Fluch eine Familie sein kann, wie individuell jeder Mensch ist und wie wir uns doch immer wieder in Gemeinsamkeiten kreuzen.
Es erzählt von unterdrückten Frauen, von starken Frauen, von eisernen und weichen Männern, von Flüchtlingen und Heimatverbundenen, von Bereuenden und Vergessenen, von Geistern und Lebenden, von Vergangenheit und Zukunft, von Zusammenhang und freiem Fall, von Hass und von Liebe.
Ich habe in diesem Buch so viel gelernt. Nicht nur über Menschen, diese Familie und die geheime Schokolade, die Unglück bringen soll, sondern vor allem auch wahnsinnig viel über den zweiten Weltkrieg und v.a. die georgische Geschichte. Obwohl ich in 8 Jahren Geschichtsunterricht so viel über den 2.WK gehört habe, wusste ich nicht was am 9. April in Georgien geschah, nein, ich wusste eigentlich absolut gar nichts über dieses Land. Die Autorin schafft es, uns dieses vergessene Land näher zu bringen und es in jeder Weltkarte von nun an hervorstechen zu lassen. Ich glaube ich habe dank diesem Buch mehr über die vergangenen hundert Jahre gelernt und verstanden als in meiner gesamten Schulzeit.
Das Buch ist so exotisch wie vertraut, so lehrreich wie unterhaltsam, so ruhig wie wild. Es ist unglaublich eindringlich, phänomenal, erschütternd, detailliert, mitreißend, aufreibend und in aller erster Linie eins: Echt.
Eine große Buchempfehlung von mir.

Ein Buch über das Leben in all seinen Facetten, in all seiner Vergangenheit und Zukunft, in all seiner Komplexität und Einzigartigkeit.
Ein Buch über Georgien, den Krieg, eine heiße Schokolade und eine Familie, die so normal wie besonders ist.

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Nächstes Buch: Euphoria – Lily King

5 Stars

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3 Kommentare

  • Antworten crumb [KeJas-BlogBuch] 20. Dezember 2016 um 11:49

    Das Cover und der Titel machten mich direkt neugierig und ich musste deine Rezi lesen! Das obige Zitat spricht mich sehr an, die 1300 Seiten jedoch schrecken mich mehr als ab. Ich lese gerne & viel, aber eben nicht durchgehend an einem Buch, ich glaube für so etwas bin ich zu flatterhaft …

    Schön das du es „durchgehalten“ hast & es dich einnehmen konnte!

    Liebe Grüße
    Janna

    • Antworten Tasmetu 20. Dezember 2016 um 12:08

      Liebe Janna,

      bei solchen Büchern lohnt sich dann das eBook oder ein Hörbuch, da erschlägt einen die Länge nicht ganz so sehr. Außerdem kann man es sich ja auch aufteilen. Das Buch besteht aus 7 verschiedenen Teilen – wenn man sich jeden Monat einen Teil vornimmt, schafft man es auch :)
      Das Buch lohnt sich wirklich :)
      Danke für die lieben Worte :)
      LG
      Tasmin

  • Antworten Bücher über starke Frauen - Tasmetu 29. Dezember 2016 um 17:58

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