Kolumnen / Autorenleben

Von allem zu viel.

6. Oktober 2016,8 Comments
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Seit einigen Wochen schwirrt die Frage in meinem Kopf, was es denn ist, was mich so unsicher und unzufrieden sein lässt? Ich habe doch alles was ich brauche. Ich habe Familie, Freunde, eine wunderbare Beziehung, die Sonne scheint, ich habe Semesterferien und liebe mein Studium, ich liebe meine Stadt, es ist Frieden, ich habe soweit ich weiß keine Krankheiten, ich gehe meinen Leidenschaften nach und ich habe jeden Tag ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und zu trinken. Klingt doch nach dem perfekten Leben, oder? 

Aber wieso bin ich dann immer so rastlos? So verdammt unruhig und andauernd genervt? Wo ist mein Problem? In jedem Fall musste es ein Luxusproblem sein, so viel war klar. Aber ich wollte es auf jeden Fall beheben – nur musste ich es dafür erst einmal finden.

Die Antwort auf meine Frage kam mir, als ich mal wieder vor meinem Bücherregal stand. Ich hatte es gerade wieder umsortiert und mich gefragt, wann ich denn all diese Bücher noch lesen wollte. Ich hatte definitiv zu viele im Regal, es erschlug mich ein wenig. Aber nicht nur das. Auch die Themen der Bücher waren kunterbunt: Schicksalsgeschichten aus Afrika, Korea, Israel und Asien standen neben historischen Romanen, gesellschaftskritischer Belletristik aus aller Welt, Jugendbüchern, unterschiedlichster Fantasy, Büchern über und aus Indien und neben all dem standen auch noch meine Sachbücher – die von Ethnologie über Neurologie und Astronomie und von Naturwissenschaften und Philosophie über Literaturwissenschaft und Verhaltensforschung, Soziologie und Psychologie reichten.

Mir fiel eine Veranstaltung ein, die ich neulich besucht hatte. Es ging um den Beruf des Reiseleiters und ich hatte interessiert zugehört. Bis zu dem Punkt, wo der Sprecher sagte: „Was absolut unerlässlich ist, ist Fachwissen. Sie müssen irgendwo ein absoluter Experte sein – am Besten kennen sie das Land oder die Gegend bereits richtig gut, sprechen die Sprache und kennen Geheimtipps.“
Mein gerade frisch erwachter Traum, endlich einen möglichen Job für mich entdeckt zu haben, platzte mit einem ungehörten >Plopp<.

Von allem zu viel

Es zieht sich durch mein gesamtes Leben. Ich will immer alles. Ich will immer zu viel. Ich fokussiere und spezialisiere mich auf nichts, wechsle meine Interessengebiete wie andere die Unterwäsche und fühle mich deshalb andauernd so, als könnte ich nichts. Weil ich mich zwar für alles interessiere, mir aber nicht die Zeit nehme mich so tiefgreifend damit zu beschäftigen, dass ich Experte werde. Oder zumindest ein Fachwissen aufbauen kann, mit dem man etwas anfangen kann.
Mein Studiengang, der selbst sprunghaft und breit gefächert ist, ist vermutlich genau deshalb so perfekt für mich. Hier muss ich mich nicht entscheiden, hier muss mein Fachwissen nur für eine Hausarbeit reichen und dann kann ich wieder das Thema wechseln.

Und es ist nicht nicht nur Wissen. Ich will nette Klamotten besitzen, perfekt Videos schneiden, würde gerne Nähen und Basteln und Töpfern und Malen und Zeichnen (können), will mehr Abonnenten und trotzdem mehr Ruhe, ich will alle Bücher lesen, alle Bücher kaufen, all meine Ideen aufschreiben und  eines Tages gleichzeitig Bestsellerautorin und Geheimtipp sein. Ich will eine eigene Wohnung, ich will aber Zuhause bleiben, ich will Wohnungen und Häuser einrichten und Wände streichen und Deko kaufen. Ich will Schokolade und Chips und Avocados und Obst und Eis und gesund und genießerisch leben. Ich will ein jetsettender digitaler Nomade sein und gleichzeitig kann ich mich nicht einmal von meinem alten, klobigen Schreibtisch trennen. Ich will Stadtleben und Landleben und schnell überall sein und trotzdem in der S-Bahn Zeit zum Lesen haben. Ich will alle Bücher gleichzeitig lesen und trotzdem jedes einzelne zelebrieren. Ich will alle meine Freunde sehen und alles aus ihrem Leben wissen und will eigentlich auch verdammt gerne alleine sein. Ich will all mein Eigentum gegen Freiheit tauschen und beim Shoppen nicht aufs Geld gucken müssen. Ich will einen festen Job mit Renten- und Krankenversicherung und gleichzeitig will ich nie wieder in einem Büro arbeiten und nur noch kreativ und selbstständig sein. Ich will viel Geld haben und es eigentlich gar nicht brauchen. Ich will ins All, auf Berge, in den Wald, ans Meer. Ich will alles und zwar am besten überall.

Luxusproblem

Das ist diese Rastlosigkeit in mir. Diese unzähligen Möglichkeiten, die alle wundervoll sind und bei denen ich unfähig bin, mich für eine zu entscheiden. Ich flattere im Wind, habe keinen Halt und habe absolut keine Ahnung wohin, obwohl ich alle Mittel habe um die Richtung selbst zu bestimmen. Das wohl größte Luxusproblem, das man wohl haben kann. Aber ist vielleicht… genau das das Problem? Der Luxus?

„Ich kriege von nichts genug, aber ich habe von allem zu viel.“

Ein Zitat von Gesa Neitzel aus ihrem Buch „Frühstück mit Elefanten“, welches ich gerade erst gelesen habe. Es sind solche Sätze, solche Bücher, solche Menschen, die es schaffen mich kurz zu packen und festzuhalten. Bei denen ich es bereue, in diesem Sommer – aus Angst und Geldmangel – nicht nach Kirgistan gegangen zu sein, obwohl ich die Chance dazu gehabt hätte. Bei denen ich kapiere, dass ein engerer Bund mit der Natur und mit Handwerk mich vielleicht endlich mal wieder auf den Boden holt. Die mir zeigen, dass da etwas in meinem Leben fehlt. Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, wie priviligiert ich eigentlich lebe (und dabei habe ich noch nicht einmal Geld – aber es reicht irgendwie und das ist mehr als die meisten haben). Aber es fehlt etwas. Eine innere Ruhe, die einem nur die Natur – die wilde Natur – geben kann.

Natürlich bin ich wie alle anderen auch: Ach, ich würde auch so gerne nach Afrika und Rangerin werden. Oder in Kirgistan mit Pferden einen Berg erklimmen. Oder in der Mongolei in einer Jurte wohnen. Oder auf den Azoren Delfine erforschen. Oder … oder … oder. Wir sind wieder beim Oder. Bei zu vielen Möglichkeiten. Und bei Stolpersteinen: Versicherungen, Finanzierung, Krankheiten, Familie, Angst. Spätestens an diesen Stolpersteinen hakt es bei den meisten und sie verwerfen diese Idee. Auch ich setze sie (noch) nicht um. Aber selbst wenn ich sie umsetzen würde, wüsste ich doch, dass meine sprunghaften und vielfältigen Interessen immer bleiben werden. Wie kann ich also damit umgehen?

Die Welt ist bunt – mein Kopf auch

Ich habe noch ein paar andere lehrreiche Bücher vor Augen: „Vom Mann, der auszog, um den Frühling zu suchen“ zum Beispiel. Dort lernte ich unter anderem, dass es vollkommen okay ist, einen Weg einzuschlagen um dann wieder umzukehren, wenn es einem nicht gefällt. Oder „Keplers Dämon“, welches nur entstehen konnte weil der Autor ein unglaublich breitgefächertes Nicht-Expertenwissen auf mehreren Gebieten hat. Oder eine Aktion von SoulPancake, meinem liebsten YouTube Kanal, die solche Videos hier gefördert haben.
Es ist okay, sprunghaft zu sein. Es ist okay, sich beim eigenen Lebensweg nicht entscheiden zu können und jede Woche ein neues Fachgebiet erkunden zu wollen. In unserer Gesellschaft mag diese Art des Lebens und des Denken nicht gut funktionieren, was die Sache ungemein verkompliziert, aber ich werde trotzdem lernen können, damit zu leben. Und ich werde es für mich – und auch für meine Geschichten – eines Tages nutzen können. Denn ich bin gut so wie ich bin.

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8 Kommentare

  • Antworten Juliane 6. Oktober 2016 um 10:05

    Ein wunderschöner Text, ich konnte mich sehr gut damit identifizieren! Mir geht es manchmal ähnlich und dann fühle ich mich schrecklich undankbar, weil wir doch so viel haben und trotzdem viel zu oft unzufrieden sind. Ich glaube, bei mir ist das Problem, dass ich mich gerade in so einer Übergangsphase befinde. Der Studienabschluss naht, ich weiß nicht, wie es danach weitergeht, ich ziehe ständig um, bin überall nur auf Durchgangsstation und nirgendwo richtig zu Hause. Ich habe das Gefühl, ich bin bereit, endlich irgendwo anzukommen, aber bis es soweit ist, wird es noch einen Augenblick dauern. Und bis dahin versuche ich mich daran zu erinnern, möglichst viel und intensiv im Hier und Jetzt zu leben und nicht nur auf das Morgen zu warten. Es klappt mal mehr, mal weniger gut. Liebe Grüße an dich, du machst auf Youtube und deinen Blogs einen ganz tollen Job! :))

    • Antworten Tasmetu 10. Oktober 2016 um 12:52

      Liebe Juliane,

      danke dir für deinen Kommentar :) Naja ich würde mich jetzt nicht als undankbar bezeichnen, ich bin mir eigentlich immer sehr bewusst, dass es vielen Menschen schlimmer geht als mir und bin dafür auch fast immer dankbar. Aber trotzdem bleibt die Unsicherheit woher denn dann die Unzufriedenheit kommt. Mit dem Studienabschluss ist es bei mir auch ähnlich wie bei dir, nur dass ich nicht dauernd umziehe ;)
      Aber du schaffst das auf jeden fall. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg beim Ankommen :)
      Danke <3

  • Antworten Ninespo 6. Oktober 2016 um 12:41

    Hallo Tasmin,

    du bist damit wirklich nicht alleine. Ich habe mein Studium nun abgeschlossen, habe Erfahrungen und Wissen in einigen Bereichen gesammelt, die man in der Jobwelt höchstens unter „Allgemeinwissen“ verbuchen kann. Mein Studiumswissen ist bei weitem nicht so tiefgreifend, dass ich eine Expertin sei. Das soll das Studium auch nicht bieten. Das kann es gar nicht. Ein Professor sagte mir mal, dass er an derselben Stelle stand, wie wir. Er war verunsichert, kein „Experte“. Die Jobausschreibungen machen einen Glauben, dass du einer sein musst, um irgendwo anzufangen. Das stimmt so aber nicht. Du bist schon ein Experte, wenn du dein „sprunghaftes und breitgefächertes Wissen“ für dich zielbringend nutzen kannst. Du muss wissen, wie du es anwenden kann. Es ist doch toll, wenn du vielseitig interessiert bist. Das macht dich zu einer Expertin. Ich will auch so vieles. Einen Job und Sicherheit, eine Wohnung mit meinem Freund. Einen Hund und ein Pferd, ein Bücherzimmer. Wieder zum Lesen finden, weil ich das momentan nicht mache. Excel endlich verstehen und beherrschen, denn das kann ich gar nicht. Und das ist in Ordnung. Wenn du interessiert bist, bildest du dich weiter. Du gehst mit offenen Augen durchs Leben, was will man mehr? Du bist für mich, ganz ehrlich, ein Quell der Inspiration. Du siehst viele Dinge aus einem anderen, differnzierterem und größeren Blickwinkel als ich. Und woher kommt das? Genau, durch deine vielseitigen Interessen. Das gehört zu dir, das bist du. Und du bist perfekt wie du bist.
    Ich glaube an Schickal – oder eine höhere Macht, nenne man sie, wie man will – und das alleine kennt deinen Weg. Und am Ende wirst du sehen, dass jeder Schritt genau der richtige war, um dich an dein persönliches Ziel zu bringen. Und falls es dich beruhigt: Dieses nicht wissen wohin mit sich, was man will, das ist unserer Generation eigen. Wir wurden in dem Glauben erzogen, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur hart genug arbeiten. Dass die Welt auf uns wartet. Aber gleichzeitig wurde für uns alles geplant, es wurde uns alles aus der Hand genommen. Die meisten jungen Menschen erleben einen solchen Punkt früher oder später. Die Frage ist nur, was man daraus macht. Und du bist stark, du wirst daran wachsen und stärker werden. Daran glaube ich. Fühl dich geknuddelt.

    Liebste Grüßlies :)

    • Antworten Tasmetu 10. Oktober 2016 um 12:57

      Liebe Ninespo,

      danke dir für die lieben Worte. <3 Ich bin wirklich erstaunt, wie viele Kommentare es hier unten gibt. Ich dachte immer ich sei mit dem Gefühl ziemlich allein aber offenbar ist dem ja nicht so. Das tut gut zu wissen :)
      Ich glaube zwar nicht an das Schicksal, aber ich denke dass am Ende alles Sinn ergeben wird und deswegen ist das schon alles okay so, wie es ist. Es macht den Weg bis zum Ende aber nicht minder schwer :D Trotzdem geht es immer vorwärts :)
      Ich knuddel dich zurück :)

  • Antworten Yana 6. Oktober 2016 um 16:42

    Hallo Tasmetu,

    ich konnte mich, mal wieder, ziemlich gut mit deinem Text bzw deiner Aussage identifizieren. Auch ich habe das „Problem“ viele Interessen und Hobbies zu haben, möchte diese alle jetzt sofort ausüben und alle Fähigkeiten direkt besitzen. Bei diesem Wunsch stehe ich mir meist allerdings selbst im Weg und Sorge dafür, dass ich zB. einen kompletten Nachmittag/Tag nichts weiter tue als Löcher in die Luft zu starren und komplett leer zu sein. Eine erstaunliche Fähigkeit, wie ich inzwischen finde ;)
    Letztendlich ist diese Seite an uns das was uns ausmacht und was unser Umfeld an uns mag :) also wie du sagst: du bist gut, genauso wie du bist!

  • Antworten Jana 8. Oktober 2016 um 17:24

    Ein wirklich berührender Text, der auch auf mich zutreffen könnte.
    Wir sollten viel mehr glücklich sein mit dem was wir haben. Wie du in der Einleitung schon geschrieben hast, haben wir doch alles was wir zum Leben brauchen? Manchmal sogar noch viel mehr. Und wir sind immer noch nicht zurfrieden.
    Mit meiner Kollegin hatte ich es auch drüber, dass wir ja mehr verdienen könnten. Doch irgendwann war mir die Diskussion zu blöd und ich meinte zu ihr: wir können uns doch aber eigentlich alles leisten? Wohnung, Auto, Handy, Laptop, Urlaube, etc. Wir jammern auf hohem Niveau, nur weil wir sehen, dass andere in anderen Firmen mehr verdienen. Dafür haben wir 8h 30 Tage Urlaub und bekommen Urlaubs-Weihnachts-und Prämiengeld. Ist auch nicht alles selbstverständlich!
    Und da merkst du, irgendwie dreht es sich immer um Geld – haben oder nicht haben ist hier die große Frage :D Aber macht Geld wirklich glücklich(er)?
    Aber auch das ganze „Ich will alles jetzt tun“ geht ja nicht gut, weil wir uns viel zu sehr unter Druck setzen lassen. Die Bücher müssen gelesen werden – müssen sie das? Sie stehen doch auch gut im Regal und kommen dann dran, wenn wir Lust dazu haben, oder? Ich schreibe das jetzt hier so einfach, mir geht es aber genau so wie dir – wir machen uns viel zu viel Druck!
    Schreibe bitte weiterhin so tolle Posts ♥

    • Antworten Tasmetu 10. Oktober 2016 um 13:13

      Liebe Jana,
      dankeschön für deinen tollen Kommentar :)
      Ja, ich meine ich habe zwar noch kein Gehalt weshalb es vom Geld her bei mir nicht ganz so einfach ist, aber trotzdem habe ich die im ersten Absatz des Posts genannten Punkte alle. Ich habe sogar die unglaubliche Freiheit, den Beruf des Autors anzustreben. Denn er ist hier nicht nur ein frei wählbarer, meist ungefährlicher Beruf, sondern ich bin noch dazu in einer Situation in der ich nicht unbedingt Arzt anstreben muss weil sonst meine Dorfgemeinschaft nicht überlebt (z.B.). Und diese Freiheit ist mir mehr wert als Geld, denn sie spricht von dem großen Glück, das ich habe.
      Ja das mit den Büchern ist bei mir gerade ein riesen Problem. Ich habe aktuell ein paar Rezensionsexemplare, dazu will ich noch meine Sachbücher über Menschenhandel bis Ende des Monats alle gelesen haben und dann beginnt die Uni nächste Woche mit einem wissenschaftlichen Lektürekurs. Hurra. :’D Aber es wird wieder Zeiten geben wo es einfacher wird und die Rezensionsexemplare will ich ja auch lesen, sonst hätte ich sie nicht angefragt :) Aber es stimmt, wir machen uns wohl oft zu viel Druck.
      Danke <3

  • Antworten Wenn der Kopf surrt - sarahsuperwoman 24. Januar 2017 um 16:55

    […] erfolgreich“ sein wird? – Nein, weil sie so ist und das auch gut so ist. Mehr zu ihrem Beitrag „Von allem zu viel“ gibts natürlich auf ihrem […]

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