Kolumnen / Autorenleben

Augen zu

8. September 2016,1 Comment
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Ich schließe die Augen und bin weg. Weg von dieser Welt, weg von der Gesetzen der Physik und der in Gesetzesbüchern, weg vom Alltag, weg von Schmerz und Euphorie, weg von meiner Menschlichkeit, weg von Ungerechtigkeit, weg von allem. 

Februar 2015

Ich höre einen lauten Knall. Mein Körper zuckt zusammen, bevor mein Kopf einen beruhigenden Gedanken formulieren kann. Ich sehe mich um. Nur ein Metallteil auf einer Ladefläche. Es ist Nacht in München, meiner geliebten Heimatstadt. Neben mir gehen meine Kommilitonen, alle haben plötzlich Rehaugen und blicken verschreckt in die Richtung des Geräuschs. Wir waren gerade im Kino, haben uns „Timbuktu“ angesehen. Der Film hat unsere Seelen gepackt und inmitten des verdammt realen Terrors geschleift, der in anderen Teilen der Welt passiert. Inmitten von Orten, an denen für einen sinnlosen, unwichtigen Regelverstoß Menschen erschoßen werden. Wo die Gesetze immer nur „für die anderen“ gelten aber nie für die, die die Gesetze geschaffen haben. Wo die ständige Angst normal ist. Unsere Gedanken sind nicht in München, sondern in Timbuktu.
Ich schließe die Augen. Der Moment ist vorbei, der Schreck auch. Die Angst bleibt.

August 2016

Ich höre einen lauten Knall. Mein Körper zuckt zusammen, bevor mein Kopf einen beruhigenden Gedanken formulieren kann. Ich sehe mich um. Nur eine Tür, die zugeschlagen wurde. Es ist Tag in München, meiner geliebten Heimatstadt. Ich bin allein, laufe durch die Menschenmengen, alle haben plötzlich Rehaugen und blicken verschreckt in die Richtung des Geräusch. Wir waren alle dabei. Per Twitter, Facebook, über Freunde oder tatsächlich selbst vor Ort. Der Amoklauf sitzt tief. Man sieht es dieser Stadt nicht an, denn es ist voll und sonnig wie immer. Das Rathaus steht stur und stabil und blickt stolz auf die Anwohner herab. Die Anwohner, die lächeln und das Leben weiterhin so leben wie sie es auch zuvor getan haben. Jetzt sind sie wieder an dem Ort. An dem Ort, an dem Menschen starben und von dem so viele traumatisiert zurückkehrten. An dem Ort, an dem Menschen in Panik davonrannten. An dem Ort in ihrem eigenen Kopf der so viel dunkler ist als der blau-weiße Himmel über ihnen. Unsere Gedanken sind in München, genau hier.
Wir schließen die Augen. Der Moment ist vorbei, der Schreck auch. Die Angst bleibt.

 

Es war „nur“ ein Amoklauf, „nur“ ein junger Mensch der nicht mehr alle beisammen hatte, es waren „nur“ wenige Tote. Aber der Schmerz und der Schock sind real. Wie bei Olympia. Wie beim Attentat aufs Oktoberfest. München mag in eine Schockstarre verfallen, wenn etwas Schreckliches passiert, aber egal wie sehr man diese Stadt zu erschüttern versucht: Sie macht weiter. Egal was kommt. Sie macht weiter. Die Angst wird sie nicht auffressen. Niemals.

Doch natürlich ist sie da. Irgendwo, tief in uns lauert sie. Aber Angst ist ein Urinstinkt, etwas normales. Wir dürfen sie nur nicht in die falschen Bahnen lenken.

Ich lasse Ereignisse wie Attentate in Paris, Bagdad, usw immer sehr an mich heran. Ich leide, ich weine, ich verstehe diese Welt nicht mehr. Als plötzlich direkt in München etwas passierte, saß ich Zuhause. In den Schuhen, die ich mir 48h zuvor im OEZ gekauft hatte. Mit Freunden und Bekannten ganz in der Nähe. Mit Panik im Herzen und Leere im Kopf.
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sich diese Leere wieder füllte. In den letzten Wochen ist auch in meinem Privatleben einiges passiert, gutes und schlechtes. Es war einfach zu viel. Meine Kreativität war wie eine Wolke davon geschwebt. Ich konnte nicht mehr schreiben, dabei war schreiben schon immer das Einzige, das mir hilft. Ich konnte nicht mehr plotten, nicht mehr denken, nichts erfüllte mich mehr.

Aber dann kam das laute Geräusch an dem sonnigen Tag in München. Ich schloss die Augen. Ließ zu, dass ich für einen kurzen Moment blind war für den Rest der Welt. Ließ die Dunkelheit zu. Ließ die Hilflosigkeit zu. Ließ das Leben zu.
Dann öffnete ich sie wieder. Mein Herz schlug noch immer schnell, aber diesmal vor Aufregung. Ein Dialog tauchte in einem Winkel meines Kopfes auf. Ein Dialog für ein Buchprojekt, das weit hinten in der Warteschlange meiner Ideen steht. Ich lächelte, denn ich war wieder da.

Dieser Text hat keine Pointe. Dieser Text ist eine Entschuldigung für meine Pause im Juli. Ein Versuch einer Erklärung, warum mein Leben für fast zwei Wochen fast zum Stillstand kam. Eine Hommage an München und all seine Bewohner. Ein Danke an die Existenz von Mut und Durchhaltevermögen. Ein Zeichen, dass Mut manchmal in einer kleinen Geste besteht, wie die Augen wieder zu öffnen. Oder die Angst zwar zu sehen, aber ihr keinen Raum zu geben. Ein Zeichen, dass es okay ist die Augen auch mal zu schließen, wenn die Welt zu viel wird. Ein Zeichen, dass man sich auch mal von dieser Welt lösen darf, wenn sie zu schwer auf einem lastet. Aber auch ein Zeichen, immer wieder zurückzukehren. Wir brauchen Mut. Wir brauchen den Willen, weiter zu machen. Wir brauchen das Lächeln auf jedem einzelnen Gesicht. Wir brauchen auch die Menschen, die manchmal denken, es nicht zu schaffen um es sich am Ende selbst zu beweisen.
Wir brauchen mehr Liebe.

Und in diesem Sinne: Danke, dass du da bist. Gib niemals auf, sei immer offen, genieß jede Sekunde, renne mit offenen Armen mitten ins Leben.

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1 Kommentar

  • Antworten Monatsrückblick | September 2016 - Tasmetu 29. September 2016 um 8:00

    […] habe endlich mal wieder eine Kolumne gepostet, die ich schon länger geschrieben aber bisher nicht veröffentlicht hatte. Es geht um […]

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