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Nach einer wahren Geschichte | Rezension

18. August 2016,1 Comment
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„Ich würde ein neues Leben in einer neuen Konstellation erkunden, an ds ich mich sicher anpassen würde, ich musste die Sehnsucht nach der Vergangenheit fernhalten und mich an der Gegenwart festhalten. Es gab keinen Grund, sich zu fürchten.“

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan

Übersetzt von: Doris Heinemann

Verlag: Dumont

Seiten: 350 | Ausgabe: 2016

ISBN: 9783832198305

Zu kaufen bei Amazon* oder im Buchladen nebenan :)

Die Autorin:

Delphine de Vigan wurde 1966 in Frankreich geboren. Sie hat zwei Kinder, lebt in Paris und ist Autorin. Sie hat bereits mehrere Preise erhalten.

Die Story:

Als Delphine L. kennen lernt, ist L. zunächst nur eine gute Freundin. Überraschend schnell finden sie zueinander, verstehen sich gut und vertrauen sich eine Menge an. Doch nach einiger Zeit merkt Delphine, dass etwas nicht stimmt. L. wird ihr immer ähnlicher und sie selbst verliert sich immer mehr.

Meine Meinung:

Hui, was für ein intensives Buch. Delphine de Vigan erschafft mit diesem Roman etwas, das sich anfühlt wie die Zeit kurz vor dem Einschlafen: Man weiß nicht mehr was wahr ist, was fiktiv, was überspitzt, was untertrieben, was ehrlich ist. Die Autorin spielt ein Spiel mit uns, das mehrere Dimensionen hat. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die so heißt wie sie selbst. Sie erzählt diese Geschichte mit all ihren diffusen und mysteriösen Windungen und Wendungen, der Langeweile und der Aufregungen eines alltäglichen Lebens. Sie erzählt von Schreibblockaden, Freundschaften, Beziehungen, Familie, Ruhm und Angst. Selbst wenn nicht viel passiert, die Geschichte nur so dahinplätschert, blättert man die Seiten immer schneller um, denn man spürt die Gefahr, die sich wie ein Gewitter zusammenbraut. Zunächst sind da nur vereinzelte, kleine Wolken, doch sie werden dichter, verschmelzen ineinander, werden dunkler, kommen näher und plötzlich ist es da und man kann nur hoffen, dass man einen Schirm eingepackt hat.
Es ist schwierig dieses Buch so zu beschreiben oder zu analysieren, wie ich es normalerweise tun würde. Denn die Autorin lässt uns ganz bewusst nicht wissen, wie viel davon wahr ist. Man kann nicht sagen, dass ein Charakter gut ausgearbeitet ist, weil man nicht weiß ob es eine ausgearbeitete Version der Fantasie oder eine Beschreibung einer echten Person ist. Natürlich lässt das die Frage aufkommen, ob es überhaupt wichtig ist ob eine Figur in einem Buch real existiert oder nicht – denn genau das ist eines der zentralen Themen dieses Buches (und zwar auf verschiedenen Ebenen): Was ist die Wahrheit? Was ist Fiktion? Wo sind die Grenzen, vor allem in der Literatur? Was ist Fantasie, was Realität? Wo vermischen sich beide Zustände und wer kann überhaupt beurteilen was das eine und was das andere ist?
Was ich in jedem Fall sagen kann, ist, dass die Autorin mit diesem doch etwas gewagten Buch (wenig Plot, viel zwischen den Zeilen), eine spannende und vor allem interessante Lektüre geschafften hat. Delphine de Vigan ist hier beim Schreiben so intelligent vorgegangen, dass man nicht mehr aufhören kann, an das Buch zu denken. Ständig hat man neue Theorien, ständig stolpert man über die unterschiedlichsten Puzzleteile die am Ende dann doch kein fertiges Bild ergeben. Sie lässt uns im Dunkeln, gibt uns Antworten auf ungestellte Fragen und wirft neue auf, wo vorher nichts war. Auch wenn man das Buch zuklappt, denkt man an nichts anderes mehr als dieses Ende (im wörtlichen und übertragenen Sinne). Sie schreibt eine Geschichte mit unfassbar intelligenten Charakteren und schafft damit ein Buch, das zwar zunächst langweilig anmutet, aber eigentlich sehr sehr viel zu bieten hat, wenn man genauer hinsieht. Sie spricht viele Themen an, geht aber selten in die Tiefe. Die einzige Tiefe ist die Psyche der Delphine aus dem Buch. Die Autorin greift sich bewusst Fakten aus dem realen Leben und sorgt so dafür, dass der Leser nie wissen wird, was nun eigentlich geschah. Und wer sich ein wenig mit Psychologie auskennt, wird vermutlich eine Menge Freude mit den verschiedenen Möglichkeiten der Wahrheit haben. Falls es so etwas wie eine Wahrheit überhaupt gibt.
Es wird vermutlich nicht mein letztes Buch von Delphine de Vigan gewesen sein. Ich weiß, dass dieses Buch sicherlich nicht für jeden etwas ist, aber mich hat es begeistert und wird mir noch etwas länger zu denken geben. Der einzige Minuspunkt waren die stellenweisen etwas zähen Passagen, die einen dazu verführen, etwas zu überspringen, obwohl gerade die kleinen Details (ich sage nur *) dieses Buch zu einem großen und großartigem Rätsel machen.

Diffus, gewagt und unglaublich intelligent

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Nächstes Buch: Die Flamme erlischt – George R.R. Martin

4 Stars

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