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Dschungelkind | Rezension

4. August 2016,5 Comments
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„Die Schönheit des Dschungels, der Einklang mit der Natur, die mir wie eine zweite Mutter war – all das war mir genug.“

Dschungelkind

Sabine Kuegler

Verlag: Knaur Droemer Verlag

Seiten: 352 | Ausgabe: 2006

ISBN: 9783426778739

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Die Autorin:

Sabine Kuegler wurde 1972 als Kind deutscher Forscher in Nepal geboren. In den ersten fünf Jahren lebte sie in Nepal und Indonesien – danach zog sie mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern in den Dschungel West-Papua zu den Fayu. Mit 17 zog sie wieder nach Deutschland.

Die Story:

Die Autorin erzählt von ihrer Kindheit im Dschungel West-Papuas und zeichnet ein Bild einer anderen Kultur, einem anderem Leben und dem Gefühl, an mehr als einem Ort Zuhause zu sein.

Meine Meinung:

Schon seit geraumer Zeit (= mehrere Jahre) verstaubte dieses Buch in meinem Regal. Anlässlich des BookTubeAThons nahm ich es endlich zur Hand und muss mich nun fragen: Wieso habe ich dieses Buch nicht schon viel viel eher gelesen? Die Antwort ist eigentlich relativ einfach: Das Cover ist in meinen Augen nicht wirklich ansprechend – ich will damit nicht sagen, dass Sabine Kuegler nicht hübsch ist (im Gegenteil!), aber ich bin allgemein kein großer Fan von Portraits auf Büchern und dazu noch diese schrecklich langweilige Schrift, die nichts von der Exotik und dem Abenteuern zwischen diesen Buchdeckeln verrät. Wenn ich den Inhalt des Buches nicht schon im Groben gekannt hätte, wäre ich vermutlich in jeder Buchhandlung stupide daran vorbeigelaufen. Was ich sehr schade finde, denn der Inhalt ist wirklich lesenswert.

Sabine Kuegler schreibt, und das finde ich angesichts ihres Sprachhintergrunds besonders beeindruckend, absolut mitreißend. Man schlägt dieses Buch auf und man ist wirklich im Dschungel. Man spürt die Schwüle, man riecht die Pflanzen, man hört die Vögel, man schaudert vor den Insekten, man spürt den Schweiß auf der Stirn des anderen, wenn man die Köpfe als Zeichen der Begrüßung aneinander reibt. Und vor allem spürt man das Lebensgefühl durch diese Zeilen fließen. Während ich dieses Buch las hatte ich permanent ein undefinierbares Ziehen im Bauch. Eine Mischung aus Fern- und Heimweh überkommt mich. Nicht nach dem Dschungel an sich, dort könnte ich vermutlich nie leben, aber nach diesem Lebensgefühl. Mit der Natur gemeinsam zu leben, sie als die Mächtigere zu akzeptieren und sich ihr anzupassen anstatt sie beherrschen zu wollen. Ein Leben ohne Konsum, dafür aber mit Glück. Ein Leben, das nicht perfekt ist, aber sich am Ende doch irgendwie so anfühlt. Ein Leben voller Entbehrungen und Geschenken. Ein Leben ohne Luxus, dafür aber mit Liebe.
Kuegler beschreibt nicht nur ihre Kindheit und ihre eigene Familie, sondern auch die Fayu, einen „wilden“ und „isolierten“ Stamm mitten im Dschungel. Ihre Eltern wollten die Sprache dieses bisher unbekannten Volkes ergründen und zogen samt ihren drei Kindern dorthin. Sie lebten mit ihnen, lernten von ihnen und zeigten ihnen ebenfalls Neues. Es ist kein ethnologisches Buch, aber es spiegelt das wieder, weshalb Menschen sich für diesen Studiengang entscheiden. Man lernt diese Menschen kennen, die uns manchmal unglaublich ähnlich und manchmal unglaublich fremd sind. Sie haben andere Werte, andere Lebensweisen, andere alltägliche Bräuche. Wir verstehen sie nicht immer, aber das ist okay so. Manche Dinge muss man nicht verstehen, man muss sie fühlen. Und leben. Oder sie einfach als den Sonnenuntergang am Rande unseres eigenen Horizonts akzeptieren.
Mit diesem Buch lernt man, dass der eigene Horizont eben doch viel näher liegt als man wahrnimmt. Dass die Welt voller Möglichkeiten und Vielfalten steckt, die manchmal gewöhnungsbedürftig aber niemals falsch sind. Und dass wir riesige Idioten sind, wenn wir versuchen alle Menschen der Welt vereinheitlichen zu wollen oder den einen „Lebensstandard“, die eine Lebensweise als die einzig richtige zu betrachten. Denn nur weil wir Luxus haben, ist das noch lange nicht die ultimative Art zu leben. Im Gegenteil: So sehr ich mein priviligiertes, westliches Leben genieße: Mein Ziehen im Bauch während ich las, spricht bereits Bände: Mir fehlt etwas. Etwas, dass es auf West-Papua noch gibt (oder gab, je nachdem wie man es sieht). Etwas, das man mit keinem Einkauf der Welt ersetzen kann.
An einer Stelle des Buches hat sie dieses Gefühl sehr gut zusammengefasst:

„Der Unterschied zwischen meinen Welten besteht darin, dass das Leben im Urwald körperlich zwar anstrengender, psychisch für mich aber sehr viel leichter zu ertragen ist. Das Leben in der westlichen Welt dagegen ist körperlich leichter, seelisch aber viel, viel komplizierter.“

Wer sich übrigens davon abschrecken lässt, dass ihre Eltern nicht nur als Sprachforscher sondern auch als Missionare in den Urwald zogen: Keine Sorge. Man spürt zwar, dass der Glauben für die Familie selbst eine große Säule und sehr wichtig war, aber er drängt sich nicht auf. Er steht nie als das „eine Richtige, das wir den anderen jetzt beibringen müssen“ im Mittelpunkt. Ich kann zwar nicht beurteilen, in wie weit die Einmischungen auf sämtlichen Ebenen „korrekt“ waren, aber es spielt in sofern keine Rolle mehr, da es nun einmal bereits so passiert ist. Und die Beschreibungen in diesem Buch klingen so, als hätten die Kueglers hier einen Weg gefunden, die Autorität der Einheimischen nicht zu gefährden und für alle einen freiwilligen Wohlfühlrahmen zu schaffen.
Generell zeigt das Buch sehr deutlich, wie bei solch einem Abenteuer die Grenzen verschwimmen. Natürlich sind sie immer noch eine Familie mit ihrem eigenen Haus und teilweise auch eigenen Regeln und Traditionen, aber desto länger sie bleiben, desto mehr verweben sich die Lebensstile miteinander. Desto weniger „Fremdheit“ gibt es. Ich glaube die Fayu haben die Kueglers mindestens genauso beeinflusst wie anders herum.

Es ist wunderbar in diese für uns so exotische Dschungelwelt abzutauchen und Kuegler hat es hervorragend geschafft ihre Erlebnisse so festzuhalten, dass wir sie noch einmal mit ihr gemeinsam erleben. An der ein oder anderen Stelle hätte ich mir gerne noch mehr Details gewünscht oder mehr aus ihrer Teenagerzeit und der ständige Sprung zwischen den Zeiten (mal war sie 11, dann wieder 16, dann wieder 12) mit jedem Kapitelwechsel, hat dem Buch ein Bewertungsherz gekostet, aber trotzdem bin ich immer noch baff von diesem Leseerlebnis. Ich glaube Sabine Kueglers Geschichte und auch die der Fayu werden mich noch sehr lange begleiten und beschäftigen. Absolute Leseempfehlung!

Exotisch, mitreißend und ein wahrer Augenöffner
Wem etwas im Leben fehlt oder wer etwas über die Vielfalt und Schönheit unserer Welt erfahren möchte, hat hier das richtige Buch gefunden.

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Anmerkung: Lieber Knaur Verlag, ihr solltet eventuell mal über neuen Kleber nachdenken. Während ich las, fiel mir nämlich plötzlich das gesamte Buch auseinander. Ich musste es notdürftig mit Uhu kleben, um es fertig lesen zu können.

Nächstes Buch: Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen – Ulla Scheler

4 Stars

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5 Kommentare

  • Antworten Miss Booknerd 4. August 2016 um 16:12

    Hallo!
    Super schön geschrieben! Ich habe das Buch auch erst diesen Frühling nach Jahren auf dem SuB gelesen. Du hast schon Recht, denn das lag bei mir unter anderem auch am langweiligen Cover. Der Inhalt hat mich schon länger gereizt und fand ich dann auch sehr interessant zu lesen und kann das auch jedem empfehlen. Besonders ihre Zerissenheit bei den Besuchen in unserer Welt fand ich berührend.
    Lg Tabea

    • Antworten Tasmetu 6. August 2016 um 13:27

      Liebe Tabea,

      dankeschön :)
      Ja, das Cover verleitet wirklich dazu es erstmal nicht in die Hand zu nehmen, obwohl es sich so sehr lohnt :)
      Die Fortsetzungen sollen ja leider nicht so doll sein. Aber das Buch der Mutter würde mich noch reizen :)

  • Antworten Jana 5. August 2016 um 21:16

    Dieses Buch habe ich vor zig Jahren in einem Sommerurlaub zusammen mit einer Freundin gelesen und es wurde zu einem der ersten Bücher die ich gelesen habe und sozusagen auch um eines meiner liebsten!
    So toll geschrieben und ich habe es sogar mehrere Male gelesen. Leider war ich vom Folgebuch total enttäuscht und kann es dir gar nicht empfehlen :(

    Ich bin übrigens super begeistert von deinem Blog und auch von deinen Videos und schau da schon ganz lange als stiller Zuschauer zu (klingt jetzt echt gruselig Oô…) Aber ich habe bei Youtube glaube ich noch nie kommentiert, weil ich da auch selbst nicht so aktiv bin..
    Mach auf jeden Fall weiter so!

    • Antworten Tasmetu 6. August 2016 um 13:46

      Das mit den Fortsetzungen habe ich leider auch schon gehört. Aber ich habe ein Auge auf das Buch der Mutter geworfen. :)
      Danke dir für die lieben Worte <3

  • Antworten Light & Darkness | Rezension - Tasmetu 21. November 2016 um 13:01

    […] Nächstes Buch: Dschungelkind – Sabine Kuegler […]

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