Kolumnen / Autorenleben

Das geschriebene Wort

21. Juni 2016,11 Comments
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Mein Kugelschreiber verharrt über dem Papier. Eine Sekunde, zwei Sekunden, eine Ewigkeit. Als er endlich auf das Papier trifft ist der erste Satz, den ich schreiben kann „Es ist seltsam hier zu sitzen und dir einen Brief zu schreiben“. 

Dabei bin ich eine der wenigen, die tatsächlich ab und an noch Briefe verschickt. An Freunde und Menschen, die ich liebe. Einfach mal wieder auf Papier festhalten, wie viel sie mir bedeuten. Sie überraschen. Ihnen zwischen Rechnungen und Werbung etwas schönes in den Briefkasten zaubern.
Aber dieser Brief hier, der ist etwas anderes. Er geht an niemanden den ich besonders gut kenne oder der mich, meine Eigenheiten und meine Art zu schreiben kennt. Er geht an eine fast schon flüchtige Bekanntschaft aus meiner Vergangenheit. Das Warum spielt hier keine Rolle, das Wie ist die wichtigere Frage. Dieser Mensch hat, soweit ich weiß, kein Internet (ich habe tagelang gesucht) und die Handynummer die ich hatte, funktioniert nicht mehr. Kein Wunder, ist ja auch schon ein paar Jahre her. Also bleibt mir nur ein einziges Kommunikationsmittel: die Deutsche Post.

Schreiben ist mein Element. Schreiben ist seltsam.

Obwohl Buchstaben und Worte mein Zuhause sind und ich mich auf keiner Weise so gut ausdrücken kann wie mit ihnen, sitze ich da und weiß lange nicht, was ich eigentlich schreiben soll. Diese Person kennt mich kaum. Sie weiß nicht, wie direkt ich schreibe und kennt auch nicht die vereinzelten Nachrichten zwischen den Zeilen. Wie wählt man die richtigen Worte um einer verblassten Erinnerung einen Brief zu schreiben?

Ich erinnere mich selbst daran, dass auch meine Leser später mich nicht kennen werden. Wer auch immer meine Geschichten, mein Buch, in in Händen halten wird, wird nicht wissen wer ich bin und wie ich was gemeint habe. Wenn ich Bücher schreiben kann, werde ich ja wohl einen kurzen Brief hinbekommen.

Trotzdem fühle ich mich bei diesen wenigen Zeilen schrecklich nervös und seltsam. Dieser Brief fühlt sich um ein vielfaches intimer als als jede SMS die ich hätte schreiben können.

Seit wann sind Briefe eigentlich intim?

Wenn man morgens in den Briefkasten schaut und Rechnungen und Werbeblätter herauszieht, bekommt man nicht den Eindruck, dass Post etwas intimes sei. Im Gegenteil. Aber wenn da plötzlich unerwartet ein handgeschriebener Brief von der Vergangenheit höchstpersönlich in deinen Händen liegt, ist das etwas völlig anderes.
Als ich den Brief schrieb, fühlte ich mich als würde ich nackt vor jemandem stehen. Als würde ich mehr preisgeben als ich bereit war zu enthüllen. Als würde ich meine Seele auf Papier festhalten. Aber warum? Die SMS, die nie ankam, hatte ich ziemlich flott getippt und versendet, da war ich nur ein wenig aufgeregt. Und jetzt?

Wir leben im Zeitalter der schnellen Kommunikation. Eine Nachricht ist schnell getippt, gesendet, gelesen, beantwortet. Manche Freundschaften zerbrechen daran, weil jemand nach den 2 blauen Häkchen nicht schnell genug geantwortet hat. Tippfehler sind normal, man kann dafür ja Emojis und gifs und Bilder, Videos und Audioaufnahmen mitschicken. Man kann nebenbei tippen, man kann Worte beim Tippen wieder löschen und die Nachricht tausend mal umformulieren.

Bei einem Brief ist das anders. Man muss sich bewusst Zeit dafür nehmen. Und das ist bereits etwas, das in unserer heutigen Welt mehr wert ist als alle Emojis und Selfies zusammen. Man muss sich Papier und Stift nehmen und sich Gedanken machen, was man schreiben möchte. Denn wenn man sich verschreibt oder etwas ändern will, darf man von vorne anfangen. Die Worte müssen gut gewählt werden, denn hier gibt es weder einen Affen der sich die Augen zuhält, noch ein GIF von einer süßen Katze. Hier gibt es nur dich. Ungefiltert. Echt.

Wenn man sich dann die Mühe gemacht hat und seine halbwegs sortierten Gedanken leserlich aufgeschrieben hat, ist es aber noch nicht vorbei. Es braucht die Adresse des anderen und man muss seine eigene ebenfalls auf den Umschlag schreiben. Tschüss, Anonymität des Internets. Und dann muss man sogar noch 60 Cent Porto bezahlen. Eine ungeheure Summe wenn man sich überlegt wie viele Nachrichten jeden Tag via WhatsApp verschickt werden und wie oft ich gehört habe, dass sich jemand kein Threema zulegen kann oder will, weil es ja Geld kostet (Einmalig 1€). Dann muss man einen Briefkasten finden und wenn der Brief dann endlich auf Reisen ist, heißt es warten. Und hoffen.

Der Kitzel des Wartens

Auch das ist eine Besonderheit des Briefes: Man muss warten. Warten, bis die Post den Briefkasten leert. Warten, bis der Brief im Verteilerzentrum ankommt, weiter verschickt wird, dort wieder im Verteilerzentrum sortiert und schließlich vom Postboten in den entsprechenden Briefkasten geworfen wird. Dann muss man noch Warten bis der Empfänger nach Hause kommt, nach der Post sieht, den Brief öffnet und liest. Und bei alledem sitzt man Kilometer entfernt und weiß nicht einmal, ob der Brief es überhaupt soweit geschafft hat. Es gibt keine zwei Häkchen die einem sagen, wann die Nachricht zugestellt und gelesen wurde. Es leuchtet keine Lampe auf, wenn derjenige eine Antwort verfasst. Nein, alles bleibt still.
Bis dann endlich eine SMS kommt, weil man die Handynummer mitgeschickt hat oder ein Antwortbrief eintrudelt. Oder eben auch nicht. Man wird nie herausfinden, ob der Brief ankam oder ob sich die Person bewusst gegen eine Antwort entschieden hat. Ungewissheit in einer Zeit ständiger, digitaler Kontrolle. Intimer wird es nicht mehr.

Die Zeit vergeht

Es ist noch nicht lange her, dass Briefe das beste und teilweise auch einzige Kommunikationsmittel waren. Für unsere Generation kaum vorstellbar. Wenn sogar für mich so ein Brief so etwas Besonderes ist, wie mag es denen ergehen die bereits vor dem ersten gesprochenen Wort auf Level 10 von Candy Crush sind?
Ich hatte früher Brieffreundinnen. In den Ferien habe ich auch mit anderen Freundinnen Briefe hin und her geschickt. Es gab immer unzählige Postkarten und mit meiner besten Freundin, die in meiner Nähe wohnt, habe ich immer ein ganzes Heft voller Texte ausgetauscht. Es war nichts besonderes, es war normal. Das ist keine 15 Jahre her. Und trotzdem habe ich jetzt, während ich auf eine Antwort warte, klamme Hände und frage mich alle zwei Minuten wo der Brief wohl gerade steckt. Ich verwende mehr Gedanken, Energie und Zeit auf diesen schon beinah lächerlich belanglosen Brief als auf große Neuigkeiten die ich in einem Chat erhalten habe. Zusätzlich zu den bisher genannten „Investitionen“.

Der Brief ist etwas Besonderes, etwas Persönliches. Er ist keine Nachricht in einem Chat, er ist eine Nachricht die viel mehr besagt als „Hey wie gehts? *zwinkersmily“. Sie besagt: Hey, ich möchte wirklich, ehrlich wissen, wie es dir geht. Ich möchte deine Geschichten hören. Ich möchte es so sehr, dass ich mir die Mühe gemacht habe einen Brief zu schreiben der vielleicht nie ankommen oder beantwortet wird, obwohl ich für so etwas eigentlich keine Zeit habe. Ich interessiere mich für dich in allen Details, also schicke ich dir etwas echtes, unbearbeitetes von mir. Austausch auf Gegenseitigkeit. Ungewissheit statt Kontrolle. Freiheit statt Zugzwang. Emotionen statt Emojis.

Ich bin für mehr Briefe. Für mehr Intimität. Für mehr Persönlichkeit. Für mehr Aufwand. Für mehr Gedanken bevor man etwas versendet. Für ausgewählte Worte. Für Handgeschriebenes. Für das breite Grinsen, wenn man den Briefkasten öffnet. Für mehr Momente des ungewissen Wartens, die einen in den Wahnsinn treiben. Für mehr Bedeutung in wenigen Zeilen. 

Und ihr?

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11 Kommentare

  • Antworten Hekabe 21. Juni 2016 um 9:57

    Wieder mal ein wunderschön geschriebener Post! <3
    Ich bin persönlich null eine Briefeschreiberin, was auch daran liegt, dass ich, wenn ich etwas nicht sofort mache oder es betont strukturiert auf eine To Do-Liste setze, es sehr oft nie mache. (Aka: Selbst wenn ich einen Brief schreibe, kann es sich um Wochen handeln bis ich Briefmarken besorgt und das Ding eingeworfen habe^^) Ich habe früher mal mit meiner besten Freundin immer Briefe hin und her geschrieben, weil wir 400km auseinander gelebt haben, aber das hat auch mehr schlecht als recht funktioniert, obwohl der Kontakt nie ganz abgerissen ist.
    Ich liebe die unkomplizierte, flüchtige Art der Facebok- und Whatsapp-Chats, auch weil ich da mit den kürzeren, beiläufigeren Nachrichten eher mal auch mit entfernten Bekannten Kontakt halte. Freunde aus Sprachferien, die ich seitdem nie wieder gesehen habe z.B. sind da so ein Fall. Das sind die Menschen, mit denen ich durchaus gern noch Kontakt pflegen möchte, denen ich aber nicht nahe genug stehe, um mich bei einem langen Brief wohl zu fühlen. Für mich ist das immer eine Dimension zwischen "Wir treffen uns zufällig auf der Straße und plaudern für ein paar Minuten", was für mich einem kurzen Chat entspricht, und "Ich verabrede mich bewusst, um mit diesem Menschen zu reden und Zeit zu verbringen.". Briefe fühlen sich da, wie du so schön geschrieben hast, intimer an, deshalb bin ich persönlich da oft auch sehr selektiv, wem ich eigentlich einen Brief schreibe und wem lieber eine beiläufige Mail.

    • Antworten Tasmetu 22. Juni 2016 um 13:22

      Danke dir <3
      Ich setze mir das mittlerweile ab und an einfach auf die To Do Liste (sonst schiebe ich es nämlich immer und immer wieder auf).
      Ja ich hatte auch eine Brieffreundin und habe auch anderen Freunden immer geschrieben, ich besitze noch alle Briefe die ich bekommen habe. Mittlerweile fühlt sich das total surreal an
      Klar gibt es da auch Vorteile, sag ich gar nichts gegen. Ich will ja jetzt nicht jedem den ich kenne einen Brief schreiben. Da würde ich ja zu gar nichts mehr kommen :D Aber so ab und an mal was per Post zu schicken fände ich schon wichtig. Mache es ja selbst zu wenig

  • Antworten Myna Kaltschnee 21. Juni 2016 um 14:35

    Ein sehr schöner Beitrag. Es ist schade, dass nur noch wenige Leute echte Briefe schreiben. Ich habe selbst noch Brieffreundinnen, mit denen ich mehr oder weniger regelmäßig handgeschriebene Briefe austausche. Wenn ich das Leuten erzähle, schauen sie mich ganz groß an und fragen: „Wie, du schreibst noch RICHTIGE Briefe? Sowas gibt es heute noch???“

    Ich gebe dir vollkommen recht, dass es um einiges intimer ist, einen Brief zu schreiben, als einfach eine Textnachricht per WhatsApp zu verschicken. Ich investiere auch sehr viel Zeit in meine Briefe, meist mehrere Stunden. Das ist auch der Grund, warum ich oft längere Zeit brauche, bis ich endlich einen Brief beantworte. Aber ich möchte es einfach in einem Augenblick tun, in dem ich mich wirklich vollkommen auf den Brief konzentrieren kann. Einen Brief zu schreiben – und einen zu bekommen – ist etwas ganz Besonderes.

    Ganz liebe Grüße
    Myna

    • Antworten Tasmetu 22. Juni 2016 um 13:24

      Liebe Myna,

      danke dir :)
      Ich bin eher überrascht dass es tatsächlich noch funktionierende Brieffreundschaften gibt. Jeder den ich kenne hätte schon längst vorgeschlagen „ey wollen wir ne WhatsApp Gruppe aufmachen?“
      Stimmt. Ich glaube hier spielt Wertschätzung auch eine riesen Rolle. Sehr schön zu hören, dass du noch Briefe schreibst :)
      Liebe Grüße zurück ;D

  • Antworten Kati 21. Juni 2016 um 17:12

    Liebe Tasmin,
    ein schöner Beitrag – Schreiben ist wahrlich Dein Element ! Ich verstehe total was Du meinst, auch ich hatte früher Brieffreundinnen, während der Schulzeit (lang lang ist es her). Auch wenn ich heute kaum mehr lange Briefe schreibe – Postkarten jedoch noch recht oft. Immer mal wieder hier und a ein paar nette Worte für die Freundinnen. Dort passt auch genug drauf.
    Allerdings habe ich schon oft im Berufsleben über das Thema Briefe nachgedacht und denke mir, dass es unsere Eltern und die Generationen davor leichter hatten. Nicht von der Arbeit an sich – aber heute ist der Zeitdruck so extrem geworden, so aberwitzig hoch. Vor allem im Geschäftsleben. Höher, schneller, weiter – immer mehr und immer schneller Produkte entwickeln. Es gibt Kollegen, die rufen einen 2 Stunden später an, nachdem sie eine Email geschickt haben, wenn sie noch keine Antwort haben. Hallo? Ich finde das unglaublich. Ich halte das für fatal und ich glaube, dass langfristig die Qualität leidet . Früher wurde per Post kommuniziert, da hat man sich genau überlegt, was man reinschreibt, weil es dauert, bis die Antwort kam. Heute wird über-kommuniziert, weil keiner mehr groß nachdenkt, sondern „rasch“ eine Mail schreibt. Fazit: wir ersticken in der Informationsflut. 150 Mails am Tag sind normal. – Um auf Deinen Post zurückzukommen … wegen der genannten Gründe würde ich SOFORT für das Briefeschreiben plädieren!

    Liebe Grüße
    Kati

    • Antworten Tasmetu 22. Juni 2016 um 13:28

      Liebe Kati,

      dankeschön, das hört man doch gerne :D
      Postkarten sind zwar auch etwas flüchtiger aber nicht minder toll. Ich freue mich immer riesig wenn jemand im Urlaub an mich denkt :) Macht doch jeden Tag etwas besser oder?
      Naja ich denke schon dass unsere Eltern usw sehr wohl viel gearbeitet haben und wenig Zeit hatten. Aber die Zeit die wir halt heute auf Twitter, Facebook, auf Blogs und Pinterest und Spotify verbringen wurde damals halt fürs Briefe schreiben genutzt. Wenn wir kein Internet hätten, wäre da auch mehr Zeit. Aber ja es stimmt schon. Mittlerweile ist alles so unglaublich schnelllebig dass man gar nicht mehr mitkommt. Vermutlich fiel es mir genau deshalb so schwer diesen Brief zu beginnen. Dauernd war mein Kopf bei den anderen Dingen die ich noch erledigen wollte. Und einer Deadline. Und dem Wecker am nächsten Morgen. Also ich verstehe dich sehr gut.
      Danke für deinen tollen Kommentar :)

  • Antworten Rhukii 21. Juni 2016 um 18:54

    Das ist ein unglaublich schöner Beitrag, der mich direkt zum Nachdenken anregt. Man denkt über die Schnelllebigkeit der Kommunikation kaum mehr nach und nimmt die permanente Erreichbarkeit schon als selbstverständlich hin. Gerade da finde ich es sehr schön, deine Gedankengänge zu verfolgen (die du übrigens echt toll umschrieben hast. Man fühlt sich beim Lesen, als würde gerade selbst am Tisch sitzen und so einen Brief verfassen.)
    Liebe Grüße
    Meg

    • Antworten Tasmetu 22. Juni 2016 um 13:30

      Vielen vielen Dank :)
      Es freut mich immer sehr wenn ich Menschen dazu bringen kann sich Gedanken zu machen. Das zeigt mir, dass ich mit solchen Texten das richtige tue :) Und dass ich mit meinem Ziel, Autorin zu werden, nicht unbedingt neben meinen Talenten liege :D
      Liebe Grüße

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