Kolumnen / Autorenleben

Khalessi.

19. Mai 2016,6 Comments
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Keine Sorge, in diesem Beitrag gibt es keine GoT Spoiler außer für die erste Staffel. 

Wer Game of Thrones guckt, weiß eines: Die Frauencharaktere von George R.R. Martin sind nicht nur perfekt, hübsch und schlau. Sie sind auch verdammt mächtig. Obwohl eigentlich nur Männer Könige sein dürften, obwohl die Welt dem Patriachat unterliegt, sind es in Wahrheit die Frauen die alles bestimmen.

Bei LovelyBooks habe ich bereits eine Kolumne zum Thema „Starke Frauen in der Fantasy“ geschrieben. Aber seit geraumer Zeit gehen mir, auch dank Game of Thrones, Gedanken im Kopf herum: Wie mächtig sind Frauen heutzutage? Wie wäre die Welt wenn alle Staaten einem Matriachat unterworfen oder Frauen zumindest von Anbeginn an gleichberechtigt gewesen wären? Was wäre, wenn wir die Kinder der nächsten Generation radikal anders erziehen würden? 

Im Verlaufe der Menschheitsgeschichte begegnen uns immer wieder Gräueltaten. Desto weiter sie zurückliegen, desto verharmloster werden sie dargestellt. So heißt es in den Geschichtsbüchern über die Antike im Vorderen Orient, in denen aufgrund der Quellen ohnehin fast ausschließlich von Männern die Rede ist, nur noch „Die Tochter des Herrschers wurde als Geschenk an den befreundeten König übergeben“ oder „Der König hatte sicherlich mehrere Frauen, es gab einen Vorläufer des späteren Harem“ – man schreibt diese Sätze so sachlich, als wären die Frauen keine Menschen sondern Waren. Damals wurde sie sicherlich auch genauso behandelt. Dann kommen so Sätze wie „Das war halt damals so“ – nur weil etwas so war, heißt das nicht, dass es gut war oder dass die Betroffenen damit glücklich waren. Außerdem gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Keramikschalen und Frauen: Eins von beidem hat Gefühle. Auch wenn beide zerbrochen werden können.

Wenn wir uns weiter in der Geschichte umsehen gibt es immer noch hauptsächlich Männer, Männer und noch mehr Männer. Ob diese gut oder schlecht waren, sei dahingestellt. Aber Frauen sind nach wie vor ein Gegenstand, Besitz eines Mannes. Man muss sich nur die Fernsehwerbungen von vor ein paar Jahrzehnten ansehen. Wir lachen heute darüber, aber eigentlich sollten wir genau dann eines verstehen: Wir mögen heute kein Besitz mehr sein, doch wir sind immer noch untergeben und gefangen in einem alten System.

Viele Frauen sagen heute, dass sie vollkommen emanzipiert sind. Dass wir frei sind. Dass wir selbstständig sind.
Aber dann kommen sexistische Werbekampagnen (die übrigens auch Männer zu Objekten machen können) und veraltete Gesetze die dafür sorgen, dass ein „Nein“ einer Frau nicht reicht. Es bedeutet nichts, wenn eine Frau „Nein“ sagt – wenn sie sich nicht gewehrt hat und das nicht explizit nachweisen kann, spielt ihre Meinung vor dem Gericht keine Rolle mehr. Dann sind die Belästiger, die Vergewaltiger, die Sexisten und die Mächtigen wieder geschützt.

Wir, die ach so modernen Europäer, sehen verächtlich in den Osten zu den verschleierten Frauen und urteilen über sie. Dabei haben wir keinerlei Recht dazu. Nicht nur, dass wir in der Vergangenheit überhaupt erst für verquere Verhältnisse in vielen Ländern gesorgt haben, nein, wir sind auch selbst nicht viel besser. Wir sollten nicht über andere urteilen, wenn wir nichts über sie wissen – vor allem wenn wir nicht einmal etwas über unseren eigenen Standpunkt wissen.

Manchmal denke ich über diese ganzen Missstände nach. Über die Ungerechtigkeit gegenüber Frauen, über Unterdrückung und Genderrollen. Darüber, dass die Wirtschaft den Mädchen erzählt, dass rosa ihre Lieblingsfarbe sein muss und dass Jungs sich bitte für Autos und Technik zu interessieren haben. Darüber, dass Jungs nicht mit Gefühlen umgehen können weil sie immer nur gelernt haben sie zu verstecken. Darüber, dass Frauen so perfekt sein wollen, dass sie bereits an den kleinsten Fehlern zerbrechen. Darüber, dass ein „Nein“ nicht zählt und ein Kerl der mit 30 noch Jungfrau ist als armer Schlucker zu bezeichnen ist. Darüber, dass Frauen Schlampen und Männer Helden sind wenn sie viel Sex haben.  Wenn ich über all das nachdenke, wünsche ich mir eine Khalessi. 

Khalessi, die die Ketten sprengt, die Altes aufbricht, die Neues schafft, die alles niederbrennt um neu anzufangen, die sich nichts sagen lässt und konsequent durchgreift obwohl sie nicht gefühlskalt ist.  Die lieben kann ohne sich dabei unterzuordnen. Die Gerechtigkeit will, die die Gleichheit aller verlangt. Die nicht verändern sondern neu anfangen will.

Vermutlich wäre auch Khalessi nicht die perfekte Regentin. Ihre Politik nicht immer zu 100% gerecht, denn Gerechtigkeit liegt immer im Auge des Betrachters. Aber manchmal wünsche ich mir einen Neuanfang. Die Vergangenheit aufwischen und von vorne beginnen – es besser machen. Aber das geht leider nicht, Khalessi und ihre Drachen sind nur Fiktion. Deshalb sollten wir uns der Vergangenheit bewusst sein und aus ihr lernen. Es heute, mit den Mitteln des Einzelnen, besser machen. Egal wer du bist, welchem Geschlecht du dich zuordnest, woher du kommst, egal. Hauptsache du steht für Gleichheit ein. Weil nur wenn wir alle am gleichen Strang ziehen, kann etwas passieren.

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6 Kommentare

  • Antworten Cora 19. Mai 2016 um 8:25

    Danke für diesen Text, der mir echt aus der Seele spricht! Dieses „Das war damals eben so“ finde ich wie früher im Geschichtsunterricht auch jetzt im Studium beim Besprechen mittelalterlicher Texte, wo Vergewaltigungen, um die Frauen gefügig zu machen oder ein Mann als einziges Mittel einer Frau, um glücklich zu werden, keiner Erwähnung wert sind, schwer auszuhalten…
    Zum neuen (haha…) Sexualstrafrecht habe ich gestern bei Spiegel Online eine echt bissige Kolumne gelesen: http://m.spiegel.de/kultur/gesellschaft/a-1089732.html
    Ich wusste danach nicht, ob mir nach Lachen (weil absurd) oder Weinen (weil abscheulich) zumute war…

    • Antworten Tasmetu 19. Mai 2016 um 9:23

      Liebe Cora

      danke für deinen Kommentar.
      Ja, am liebsten ist mir ja der Satz „Vergewaltigungen waren eine Kriegstaktik“. Alles klar. Als ob das Ermorden von Menschen nicht bereits einschüchternd genug wäre.
      Das Thema ist wahnsinnig komplex und immer aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, deshalb spreche ich es selten so direkt an. Es gibt zB auch Männer, die vergewaltigt werden. Ein Matriachat wäre auch beschissen (siehe „Das Paradies ist weiblich„). Es gibt viele Frauen die mit dafür verantwortlich sind, dass alles so bleibt wie es ist weil sie es nicht besser wissen/weil sie manipuliert oder von der Geschehenem geprägt sind/usw usw. Wie gesagt, das Thema ist riesig und man muss es immer mit sehr viel Feingefühl angehen. Aber manchmal bricht es eben aus mir heraus. :D
      Die Kolumne sehe ich mir gleich mal an ach wenn es mir jetzt schon davor graust.
      Liebe Grüße

  • Antworten Hekabe 19. Mai 2016 um 17:32

    Wunderbarer Post. Ich habe dem eigentlich nicht mehr so wirklich etwas hinzuzufügen, höchstens vielleicht als kleine Ergänzung am Rande: Ich persönlich würde alles Geschichtliche nicht feministisch ansehen, schlicht weil Geschichte vergangen ist und man nichts mehr daran ändern, sondern nur noch versuchen kann, Tatsachen zu rekonstruieren. Eine Aussage à la „Das Mittelalter war eine sexistische Zeit“ mag stimmen, bringt aber niemandem etwas, damit spricht man im Grunde nur gesicherte Fakten aus. (Auch wenn ich unabhängig davon diverse Gender-Themenkomplexe wie z.B. Herrscherinnen dann und dann sehr spannend finde.)
    Da halte ich es für wichtiger am Hier und Jetzt zu arbeiten, auch wenn die heutigen Missstände natürlich so gut wie immer eine historische Tradition haben.
    Liebe Grüße,
    Hekabe

    • Antworten Tasmetu 19. Mai 2016 um 20:58

      Liebe Hekabe,

      danke <3
      Oh ich will die Vergangenheit ja nicht ändern, ich sehe das ja genauso wie du. Es fiel mir nur auf und ich habe mir Gedanken darüber gemacht warum es von unserem heutigen Standpunkt aus banal ist wenn eine Frau vor 100 Jahren vergewaltigt wird, aber heute nicht. Klar ist es vergangen aber in dem wir darüber sprechen als sei es damals in Ordnung gewesen schaffen wir die Basis dafür, dass es in der Zukunft vielleicht auch wieder in Ordnung sein könnte. Aber natürlich ist es wichtiger an der Gegenwart zu arbeiten :)
      Liebe Grüße

  • Antworten Corak the Mysterious 7. April 2017 um 19:44

    Grüße Tasmetu!

    Schöne gestaltete Blogseite! Keine Frage, es ist längst Zeit (Warum handeln wir eigentlich nicht gleich vernünftig?), dass Frauen die Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt. Doch ich als Mann sehe da einen Makel am Beispiel GoT: So wie ich oft Charaktere eines Romans nur als Visonen des Autors sehe, finde ich, dass die starken Frauencharaktere imho nur eine Vorstellung von George R.R. Martin sind wie eine starke Frau sich verhalten könnte (oder gar sollte?).
    Falls du malwieder auf deim alten Blog vorbeikommst würd mich schon mal deine Meinung zu diesem Gedanken interessieren :) Wie würden Frauen starke Frauencharaktere schreiben?

    Gruß
    Corak

    • Antworten Tasmetu 12. April 2017 um 9:28

      Ich meinte ja nicht, dass wir am besten komplett wie in GoT leben sollen. :D Und natürlich sind sie nur eine Vorstellung von Martin, die Bücher sind schließlich fiktiv. Wir haben leider keine Drachen oder ähnliches ;) GoT diente mir hier nur als Metapher. :) Und starke Frauen zeichnen sich durch viele Eigenschaften aus und ich finde Martin hat hier auch Vielfalt gezeigt, seine Frauencharaktere haben ja ganz unterschiedliche Stärken & Schwächen. :)
      Das ist nicht mein alter Blog, er ist immer noch aktiv, nur nicht mehr so sehr wie früher mal, weil mein Reiseblog jetzt in den Fokus rückt. :)

      Liebe Grüße
      Tasmin

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