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Und in mir der unbesiegbare Sommer | Rezension | BUCHTIPP

1. März 2016,9 Comments
2016-02-25-08.44.51

„Habt ihr euch je gefragt, wie viel ein Menschenleben wert ist? An diesem Morgen hatte das Leben meines Bruders den Wert einer Taschenuhr.“

Und in mir der unbesiegbare Sommer

Ruta Sepetys

Übersetzt von: Henning Ahrens

Verlag: Carlsen

Seiten: 304 | Ausgabe: 2014

ISBN: 978-3551313331

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Die Autorin:

Ruta Sepetys wurde 1967 in Michigan geboren, lebte in Paris und zog dann wieder in die USA, wo sie mittlerweile mit ihrer Familie lebt. Bevor sie Autorin wurde arbeitete sie in der Musikindustrie.
Für dieses Buch relevant: Ihr Vater und andere ihrer Vorfahren stammen aus Litauen. Ihr Vater floh als kleiner Junge aus dem Land.

Die Story:

Wenn wir vom 2. Weltkrieg sprechen denken wir immer an die Nazis und ihre Verbrechen. Doch zur gleichen Zeit erlebten Litauen, Estland und Lettland unvorstellbare Gräueltaten, die von der Sowjetunion begangen wurden. Diese drei Länder verschwanden unbemerkt von den Landkarten und mit ihnen hunderttausende von Menschen, die getötet, gefoltert, verschleppt und versklavt wurden. Diese historische und vor allem unbekannte Tatsache wird von Ruta Sepetys in einem brutalen aber dennoch einfühlsamen Jugendbuch geschildert.

Meine Meinung:

Ich bin sprachlos. Ich bin absolut sprachlos und weiß überhaupt nicht, was ich zu diesem Buch sagen soll. Seit ich begonnen hatte es zu lesen, ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich denke die ganze Zeit an dieses Buch, an Lina, an die verschleierte Geschichte und an die Unmenschlichkeit und Menschlichkeit in einem Krieg der glücklicherweise ein Ende gefunden hat. Ich denke an die Toten, an die Überlebenden, ich denke an die Hoffnung zwischen den Zeilen dieses Buches und an das Leid, dass einem förmlich ins Gesicht schreit. An die Ungerechtigkeit und daran, dass egal wie diese Rezension geschrieben ist, ich niemals alles dazu gesagt habe, was ich sagen könnte, sollte, wollte.

Ich werde mich noch sehr lange mit diesem 300 Seiten Buch beschäftigen. Ich glaube es wird mich mein Leben lang nicht mehr loslassen, denn es hat mich und mein Leben und mein Verständnis von der Welt für immer geprägt und verändert.

Wer eine ganz kurze Zusammenfassung meiner Gefühle zu diesem Buch haben will: Ich wollte nur noch heulen, fluchen und noch mehr heulen. Wer mehr in die Tiefe gehen möchte, darf jetzt gerne weiter lesen:

Ruta Sepetys schreibt mit einer Empathie und einer Feinfühligkeit für ihre Charaktere, dass man das Gefühl hat wirklich dabei zu sein. Und endlich zu verstehen. Ich habe so viele Jahre lang in der Schule Fakten über den 2. Weltkrieg gelernt. Zahlen und geschichtliche Hintergründe. Die Untaten der Nazis. Und klar, mir war immer bewusst wie schlimm das war, doch ich habe es nie völlig verstanden. Wie auch? Woher soll ich, die glücklich in einem friedlichen reichen Land aufgewachsen ist, auch verstehen wie sich das wirklich anfühlt? Die Folter, die Verachtung, die Schmerzen? Doch ich glaube, jetzt habe ich es endlich verstanden. Und es ist grauenvoll. Dabei habe ich es nur fiktiv erlebt und nicht am eigenen Leib.

Es ist unfassbar, wie viele Menschen anderen Menschen solche brutalen, unmenschlichen Dinge angetan haben. Was hunderttausende durchstehen mussten und es danach nicht einmal erzählen durften.  Hier gab es so viel Gewalt, so viel Ungerechtigkeit, über die bis heute nie gesprochen wurde. Hier wird eine riesige historische Tatsache einfach totgeschwiegen.

Beim Lesen bin ich jeden Abend schlafen gegangen und war unsagbar dankbar für mein Bett, meine Decke, meine Heizung, mein Essen, mein Dach über dem Kopf. Alles Selbstverständlichkeiten, die die 15jährige Lina auch hatte bevor sie plötzlich und ohne Grund nach Sibirien deportiert und mit ihrer Familie versklavt wurde. Von einem Moment auf den anderen hatte sie nichts mehr. Außer ihre Liebe und ihre eigene, innere Stärke.

Dieses Buch hat mich erschüttert, berührt und eine Wissenslücke gefüllt, die ich vorher selbst nicht kannte. Lina und alle anderen Charaktere waren sehr authentisch und vor allem inspirierend. Auch inmitten der Unmenschlichkeit bewahrten sie ihre Würde und vor allem ihre Liebe.  Wenn ich an Andrius und Linas Mutter denke möchte ich am liebsten nur noch weinen, weil sie so gute Menschen waren. Aber auch Nikolai, der die andere Seite symbolisiert. Was Sepetys hier geschaffen hat ist einfach nur beeindruckend.

Jeder sollte dieses Buch lesen. Jeder.

Nicht nur weil es wichtig ist über solche Dinge Bescheid zu wissen und solche historischen Ereignisse in ihrer ganzen Grausamkeit zu begreifen, sondern auch weil es ja aktuell ganz ähnlich passiert. Nur nicht in Litauen, Estland und Lettland. Sondern in Afrika. Die Flüchtlinge kommen schließlich nicht hier her weil sie so gerne zu Fuß gehen. Wir dürfen unsere Augen vor so etwas nicht verschließen. Wir müssen solche Probleme bekämpfen damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Wann lernen wir endlich aus den Fehlern der Vergangenheit?

Das Buch ist auch ohne die Nachricht zwischen den Zeilen lesenswert. Sepetys Schreibstil und die Ausarbeitung der Charaktere und des Plots sind großartig gelungen. Die Recherche der historischen Tatsachen ist ebenfalls einwandfrei. Sie gibt den Verstummten eine Stimme. Eine Stimme, die gehört werden sollte. Doch das, was dieses Buch mit mir angerichtet hat, wird mich für immer begleiten und dafür bin ich dankbar.

Ich bin jetzt jeden Tag dankbar für alles was ich habe und vor allem dafür, dass ich ein Mensch bin und das andere auch so sehen.

Manchmal muss man sich die Unmenschlichkeit mancher Leute vor Augen führen, um die eigene Menschlichkeit wirklich zu spüren.

Lest dieses Buch. Ihr alle. Lest es. Es wird euch verändern.

lesehase

Dieses Buch bekommt aus allen oben genannten Gründen den Lesehasen verliehen

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Nächstes Buch: Die Zukunft – Sascha Mamczak

5 Stars

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9 Kommentare

  • Antworten Hans Caastorb 1. März 2016 um 22:53

    Hi Ruta,
    danke für deine sehr persönliche Rezension. Sie machte mich neugierig. Bin gespannt darauf das Buch zu lesen!
    Lg, Hans

    • Antworten Tasmetu 2. März 2016 um 8:55

      Lieber Hans,

      mein Name ist Tasmin, nicht Ruta. Die Autorin des Buches heißt Ruta Sepetys. ;)
      Viel Spaß beim Lesen!

      LG
      Tasmin

      • Antworten Caastorb 2. März 2016 um 11:18

        Hi Tasmin,
        oh, da das war eine Verwechslung. Jetzt sehe ich es. Ich las Autor – Ruta und dachte, es ist die Autorin deines Blogs gemeint. Dein empfohlenes Buch lese ich trotzdem ;)
        Lg, Hans

  • Antworten Jana 2. März 2016 um 21:25

    Das Buch klingt wirklich einzigartig und erschütternd zugleich. Werde mir mal die Leseprobe auf mein kindle laden.
    Eigentlich habe ich schon viele Bücher über den 2. Weltkrieg gelesen und irgendwann ist auch mal genug, aber wenn du so davon schwärmst… ;)

  • Antworten Livi 14. April 2016 um 18:22

    Und schon wieder eine begeisterte, ergreifende Rezension zu diesem Buch.
    Es muss sich wirklich um eine besondere Geschichte handeln! Ich denke, ich werde nun endlich auch dazu greifen, es klingt einfach zu verlockend und sehr aufwühlend – was ich generell gerne mag.

    • Antworten Tasmetu 18. April 2016 um 12:14

      Das ist es eindeutig – viel Spaß beim Lesen :)

  • Antworten Bücher über starke Frauen - Tasmetu 2. Mai 2016 um 13:01

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