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Erwartungen

24. Januar 2015,0 Comments
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Allein das Wort lässt mich schaudern. Gibt es eigentlich etwas, an das wir keine Erwartungen haben? Wir haben Erwartungen an unsere Beziehungen, Freundschaften, Familien, an unsere Zukunft, an unsere Technik, an alles was wir gekauft haben, an alles was wir planen, an die Politik, an die Literatur, an das Fernsehen, an YouTuber, an Stars, einfach an alles. Auch an uns selbst.

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass Erwartungen erfüllt oder vielleicht sogar übertroffen werden, ist wahnsinnig gering. Denn gerade dadurch, dass wir bereits Erwartungen haben, können wir nicht mehr überrascht werden und uns nicht über das Positive freuen, sondern sehen nur, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden und somit wird es sofort als negativ abgestempelt.

Habe ich wahnsinnig hohe Erwartungen an ein Buch freue ich mich zwar darauf, bin aber schrecklich enttäuscht wenn es den Erwartungen nicht gerecht wird – obwohl es vielleicht ein gutes Buch war.

So ergeht es uns auch mit anderen Menschen. Wir erwarten von ihnen ein gewisses Verhalten und wenn sie aber etwas anderes, etwas „falsches“ sagen oder machen, sind wir enttäuscht.* Besonders hart trifft es uns bei Menschen, die wir lieben. Weil wir erwarten, dass sie uns so gut kennen, dass sie wissen wie sie sich verhalten SOLLTEN und weil wir denken, sie so gut zu kennen, dass wir wüssten, wie sie sich verhalten werden.

Am allerschlimmsten wird es, wenn wir an uns selbst Erwartungen stellen. Viele Menschen neigen dazu, mit sich selbst nicht nachsichtig zu sein und die Erwartungen so hoch zu stecken, dass sie kaum erreichbar sind. Dazu laden wir uns noch die (vermeintlichen) Erwartungen anderer an uns auf den Rücken und machen sie zu unseren eigenen, obwohl sie vielleicht gegen unsere eigentlichen Wünsche und Ziele sprechen. Dadurch ist man gestresst und unglücklich.

Doch niemand wird je alle deine Erwartungen erfüllen. Auch du selbst nicht. Das ist eine Tatsache, die schwer zu akzeptieren ist, obwohl sie so offensichtlich erscheint. Und deswegen sind wir permanent enttäuscht. Von anderen, von Dingen, von uns selbst. Doch anstatt einfach das Gegebene zu akzeptieren wie es ist (auch wenn es vielleicht nicht den eigenen Wünschen entspricht) beharren wir auf unseren Erwartungen und stecken sie im schlimmsten Fall nur noch höher.

Bei uns selbst können wir wenigstens daran arbeiten. Wir können uns über unsere Ziele klarwerden und Veränderungen herbeiführen die uns dabei helfen, diese zu erreichen. Wir können an uns arbeiten. Und somit glücklicher werden. Wir können uns selbst Ziele setzen, die nicht mit Erwartungen gleichkommen. Wir können lernen, nachsichtig mit uns zu sein und Fehler als lehrreich anzusehen. Wir können (fast) allen Erfahrungen etwas positives abgewinnen, denn wir wachsen an ihnen – egal ob sie negativ oder positiv sind. Und wir könnten aufhören, die Erwartungen anderer zu unseren eigenen zu machen.

Der letzte Schritt ist unfassbar schwer. Denn selbst, wenn man sich selbst vom Erwartungs-Gehabe befreit, haben andere noch immer Erwartungen an dich. Und wenn du sie nicht erfüllst, sind sie enttäuscht oder vielleicht sogar wütend. Vielleicht verlierst du diese Menschen sogar für immer. Einfach nur, weil du nicht so bist, wie sie dich gerne hätten.

Aber ist es das wert? Willst du dich wirklich verbiegen lassen? Willst du lieber den Erwartungen anderer gerecht werden als deinen Weg zu gehen und deine Träume wahr zu machen?

Ich denke, das ist es nicht. Natürlich ist man auf andere angewiesen und das Leben ist keine schöne Blümchenwiese. Im Gegenteil: Der Weg zu deinen Träumen ist meistens eine steinige, steile Schotterpiste, auf der du dauernd hinfällst und Hindernisse beseitigen musst. Und dabei braucht man Hilfe.

Deshalb sollte man auch die eigenen Erwartungen an andere zurückschrauben. Jedoch sollte man „Keine/Wenige-Erwartungen-haben“ nicht mit Gleichgültigkeit gleichsetzen. Denn durch Gleichgültigkeit verliert man Menschen. Man interessiert sich nicht für sie, nimmt sie nicht ernst, kommuniziert nicht mehr, hört nicht mehr zu. Seine Erwartungen runterzuschrauben bedeutet lediglich, den anderen zu akzeptieren wie er oder sie ist. Und sich für jemanden zu freuen, wenn er/sie etwas erreicht hat, auch wenn das vielleicht nicht deinen eigenen Erwartungen an diese Person gerecht wird. Und zu kommunizieren und richtig zuzuhören, um einander zu verstehen. Und anstatt enttäuscht und beleidigt zu sein oder zu sagen „Nächstes Mal machst du das besser“, einfach mal „Das war doch gut, was möchtest du als nächstes tun? Was sind deine Ziele? Kann ich dir dabei helfen?“ sagen.

Ich nehme mich bei all diesen Punkten nicht aus, ich bin nicht „frei von Erwartungen“. Im Gegenteil. Ich leide unter meinen hohen Erwartungen an mich selbst und denen anderer an mich. Und ich bin oft enttäuscht und wütend, wenn andere Menschen meine Erwartungen nicht erfüllen. Aber genau deshalb schreibe ich diesen Post. Ich möchte an mir arbeiten.

Enttäuschung ist schrecklich. Stress ist schrecklich. Beides Gefühle, die durch Erwartungen ausgelöst werden (können). Wieso stellen wir sie dann? An andere und an uns?

 

 

*natürlich gibt es ein paar gewisse Grund-Erwartungen, die absolut okay sind und Dinge, die einfach falsch sind (Belästigung, etc) und über die ich hier glaube ich nicht extra diskutieren muss. Auch wenn dir ein anderer Mensch ernsthaft wehgetan hat (auch psychisch) hat das nichts mehr mit Erwartungen zu tun.
Das wollte ich nur aus dem Weg räumen, sollte es zu Missverständnissen kommen. :)

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